Studierende der Technischen Hochschule Lübeck entwickeln Zukunftsideen für das Dorf Mönkhagen in Schleswig-Holstein

Ein Architekturstudium ist zwar dem Namen nach ein Klassiker, inhaltlich aber ist das Studium heute wesentlich weiter aufgefächert als früher. In der Ausbildung wird mehr als nur die rein architektonischen, technischen Lösungswege vermittelt.

Teamsprecher*innen mit Prof. A. Laleik (Mitte) vor der Präsentation. Foto: TH Lübeck/Prof. A. Laleik

Aufbau der Präsentation. Foto: TH Lübeck/Prof. A. Laleik

Vorstellung studentischer Arbeiten in Mönkhagen. Foto: TH Lübeck/Prof. A. Laleik

Das Architekturstudium neuen Zuschnitts lehrt Herangehensweisen, die sowohl ästhetisch-gestalterische, soziologische, psychologische, medizinische und allgemein gesellschaftliche Aspekte berücksichtigt wie auch neue technologische Entwicklungen z. B. in der Mobilität oder der Kommunikation.  

Wie Architektur heute aufgestellt ist und wie sich angehende Architektinnen und Architekten einer Aufgabenstellung und deren Lösung nähern, davon konnten sich der Bürgermeister, Klaus Bleiziffer, und rund 50 Bürger*innen der Gemeinde überzeugen. 

45 Studierende des 3. Semesters Architektur der Technischen Hochschule Lübeck hatten sich im Modul Städtebaulicher Entwurf von Professor Achim Laleik den Problemen einer Dorfgemeinschaft angenommen und Ideen sowie ihre Vorstellungen von der zukünftigen Entwicklung eines Dorfs entworfen. 

Das Dorf Mönkhagen im südwestlichen Schleswig-Holstein gelegen, ist ein klassischer Standortfall mit Problemen und Ängsten seiner Bewohner*innen, wie sie überall in ländlichen Gebieten in Deutschland zu finden sind. Da spielen Themen wie Überalterung, Weggang, schlechte Infrastruktur, mangelnde soziale und medizinische Versorgung oder Barrierefreiheit eine große und  Besorgnis erregende Rolle.

Professor Laleik beschreibt die Problemsituation in der Aufgabenstellung wie folgt: „Mönkhagen weist eine Reihe typischer Probleme auf, … Zum einen sind dies der demographische Wandel, also eine Überalterung der Bevölkerung, mit seinen vielfältigen Problemen und Fragestellungen. Weiterhin fehlen vor Ort (soziale) Infrastruktureinrichtungen, Kita und Schule sind nur in benachbarten Gemeinden zu finden, medizinische Angebote und Läden als Versorgungsinfrastruktur fehlen gänzlich, auch im benachbarten Umfeld. Dies alles sind Folgen der Konzentrationsprozesse, wie sie gegenwärtig gesellschaftlich stattfinden bzw. stattgefunden haben. Mönkhagen ist heute aufgrund dieser Entwicklungen eher ein Schlafstandort zu Lübeck, als ein eigenständiges lebendiges Gemeinwesen.“

Vor diesem Hintergrund sollten Studierende das Dorf der Zukunft planen. Im Ortsteil Mönkhagen soll ein Neubaugebiet mit rund 20 Wohneinheiten entstehen. Ein Mitglied der Gemeindevertretung, das an der TH Lübeck arbeitet und in Mönkhagen wohnt, hatte die Idee, bei der Technischen Hochschule Lübeck anzufragen, ob Interesse bestünde, dass Studierende sich in dem Projekt engagieren. Mit seiner Idee stieß er bei den Lehrenden des Städtebaus und Stadtplanung auf offene Ohren, auch weil sich das Studium an der TH Lübeck sehr an praxisnahen Aufgabenstellungen orientiert.

Achim Laleik ist der für das Projekt zuständige Professor an der TH Lübeck und hat das Modul zusammen mit Anika Slawski gelehrt. Slawski ist wissenschaftlichen Mitarbeiterin in der Fachgruppe Städtebau und Stadtentwicklung. Laleik freute sich über die realitätsnahe Aufgabenstellung für seine Studierenden. „Als die Gemeinde uns angefragt hat, ob eine Mitwirkung von Studierenden bei der Gestaltung eines Neubaugebiets vorstellbar wäre, habe ich klargemacht: Wir wollen nicht einfach ein paar Häuschen hinsetzen, und das wär’s. Wir wollen, dass die Studierenden ihre Fantasie und Kreativität spielen lassen und Ideen für den ganzen Ort finden. So haben wir sie dazu ermutigt, frei vorauszudenken, ohne ‚Schere im Kopf‘“, sagte Laleik. 

Den Studierenden gab er mit auf den Weg, dass sie bei ihren Plänen und Entwürfen sowohl an die Alteingesessenen wie auch an die jungen Familien mit Kindern denken sollen. Laleik: „Das ist eine unserer wichtigsten Zielgruppe, die Erwachsenen von morgen.“ 

Auch für die Menschen der Dorfgemeinschaft hatte Laleik eine Empfehlung. Sie sollten ihre Gedanken für Neues öffnen, völlig losgelöst von konventionellen Vorstellungen die Ideenwelt der Studierenden betrachten und sich nicht neuen Ansätzen verschließen.

Ende Februar 2019 war es dann soweit. Im Dorfgemeinschaftshaus hatten die Studierenden, aufgeteilt in 14 Teams, Gelegenheit ihre Arbeiten den Menschen aus der Gemeinde vorzustellen und die Ideen zu diskutieren. Nicht nur der Städtebauprofessor war von der Qualität der Ergebnisse sehr angetan.  „…die Studierenden waren engagiert dabei“, lobte Laleik. Auch Bürgermeister Klaus Bleiziffer war schwer beeindruckt von den städtebaulichen Leitideen: „Wir können viele Anregungen mitnehmen. Ob es gemischtes Wohnen von Jung und Alt ist, ein Dörpsbus oder die Arztversorgung, die Studierenden waren wirklich sehr kreativ. Das ist eine spannende Geschichte und ganz toll, was da rüberkommt“, teilte er seine Meinung mit den anderen Anwesenden aus der Gemeinde.

Alle Teams haben es verstanden und in ihren Arbeiten sehr deutlich machen können, wie sie mehr Wohnraum schaffen, ohne dass eine Trennung zwischen den zugezogenen und den derzeitigen Menschen entsteht, sondern dass die Gemeinschaft und der soziale Zusammenhalt von Alt- und Neubürgern gestärkt werden und der durch Wegzug der jüngeren Generation leerstehenden Wohnraum mit neuem Leben gefüllt werden kann. Neu zu schaffenden Gemeinschaftsflächen mit Sportanlagen oder Spazier- oder Joggingrouten sind Bewegungsflächen für alle Generationen. Scheunen zu Computerzentren umzubauen oder Gemeinschaftsküchen einzurichten sind nur einige Beispiele dafür, generationsübergreifend voneinander zu lernen. 

Für den privaten Bereich sollen im Neubaugebiet barrierefreie Wohnungen für ältere Menschen entstehen. In unmittelbarem Umfeld dazu sind Tiny Houses geplant, für Menschen mit kleinem Geldbeutel wie Studierende, Singles oder junge Paare. Über mehrfach wöchentliche mobile Marktstände und –geschehnisse soll die schlechte Versorgungslage verbessert werden. Ebenfalls mobil, soll das medizinische Angebot zu einer verbesserten sozialen Situation führen. 

Schlussendlich sind viele tolle Ideen entstanden, die nicht nur die Anerkennung des verantwortlichen Professors bekommen haben. „Ich glaube nicht, dass jedes Dorf von sich behaupten kann, dass es 14 Versionen für seine Zukunft gibt“, sagte einer der anwesenden Gemeindevertreter, „aber wir werden uns jetzt mit all diesen Ideen beschäftigen.“ Und Prof. Achim Laleik ergänzte: „Gemeinden, die sich ebenfalls die Unterstützung der Hochschule wünschen, sollten nicht zögern. Wenn es sich für die Studierenden und die Lehre lohnt, kommen wir.“

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