
Ich kann nicht die ganze Welt ändern. Ich kann nur schauen, was ich daraus mache.
- Christian
Ein außergewöhnlicher Weg zur Professur
Wenn Christian Blatt, Professor für Gebäudesimulation und -optimierung, heute vor Studierenden steht, greift er nicht nur auf Lehrbücher zurück. Er erzählt von Werkstätten und eigenen Gutachten. Von Parkettklebern, die sich nach fünf Jahren in Staub auflösten und enorme Schäden verursachten. Und er zeigt selbst aufgenommene Bilder von Zement, die nach wochenlanger Arbeit am Rasterelektronenmikroskop entstanden. Blatt hat nie ein Abiturzeugnis in den Händen gehalten. Sein Weg begann als Tischlergeselle und führte ihn über drei Meistertitel an die Hochschule – und das alles wegen einer Handwerksnovelle.
Nach der Schule beginnt Blatt eine Lehre im elterlichen Betrieb. Dass er einmal Meister wird, stand für ihn nie zur Debatte: Meine Großeltern hatten einen Tischlerbetrieb, mein Vater hatte einen Tischlerbetrieb – da war das für mich klar.
Nach der Bundeswehr bei den Fallschirmjägern zieht es ihn ins Allgäu, um dort seine Gesellenjahre zu verbringen. Das Team vor Ort will ihn nicht mehr gehen lassen und versucht, ihn über die DLRG und das Vereinsleben vor Ort stärker zu verwurzeln. Doch sein Platz an der Meisterschule ist längst reserviert. Den wollte ich nicht verfliegen lassen
, sagt er. 1995 legt er dann die Meisterprüfung als Tischler ab.
Das Ziel: die Selbstständigkeit
Nach der Meisterprüfung arbeitet Blatt zunächst weiter im elterlichen Betrieb. Doch für die eigene Selbstständigkeit stellt sich eine entscheidende Frage: Wie lässt sich der Start finanzieren? Ein Tischlerbetrieb hätte einen teuren Maschinenpark erfordert. Die Lösung: Parkett – ein Handwerk, mit dem Blatt auch durch Vater und Großeltern längst vertraut ist. Da er bereits Meister ist, verkürzt sich die Schule, und nach wenigen Monaten ist er Parkettlegermeister. Dabei bringt ihm sein Lieblingsdozent ein anderes Thema nahe, das Blatt jahrelang im Hinterkopf behalten soll: Estrich, der Baustoff unter dem Fußbodenbelag.
Berufsbegleitend erweitert Blatt seine kaufmännischen Kenntnisse mit einer rund zweijährigen Weiterbildung zum Geprüften Betriebswirt nach der Handwerksordnung (HwO) – eine wichtige Grundlage für seinen Weg in die Selbstständigkeit. In dieser Zeit erkrankt er und kann zunächst nicht mehr körperlich arbeiten. Dennoch führt er die Weiterbildung fort und schließt sie erfolgreich ab. Seine Gedanken kreisen weiter um die Selbstständigkeit und verhaken sich beim Thema Estrich. Seine Idee: Wenn er wieder zur Meisterschule geht, kann er die Zeit, bis er wieder vollständig belastbar ist, sinnvoll überbrücken. Im Jahr 2000 legt er schließlich die Prüfung zum Estrichleger ab.
Die Handwerksnovelle
Und dann ist es so weit: Blatt eröffnet in Iserlohn einen Parkett- und Bodenlegerbetrieb. Doch die Branche verändert sich. Mit der Novellierung der Handwerksordnung 2004 fällt für einige Berufe der Meisterzwang weg. Innerhalb kurzer Zeit steigt die Zahl der Betriebe, die Qualität nimmt ab und der Preisdruck zu. Ich kann nicht die ganze Welt ändern. Ich kann nur schauen, was ich daraus mache
, sagt er rückblickend. Blatt sucht nach einem neuen Weg. Besonders ein Bereich hat ihn schon während der Meisterschulen fasziniert: die Bauphysik.
Studieren ohne Abitur
2006 öffnet eine neue Regelung in Baden-Württemberg beruflich Qualifizierten den Weg an die Hochschule – auch ohne Abitur. Blatt nutzt diese Chance und bewirbt sich an der Hochschule für Technik Stuttgart für den Studiengang Bauphysik. Beim ersten Besuch im Hochsommer wird er vom Studiengangsleiter barfuß und mit hochgekrempelter Hose empfangen. Die Wärme geht über die Füße am besten weg in den Boden. Wenn es ganz heiß ist, stelle ich mich noch ins kalte Wasser
, erklärt der Bauphysik-Professor und Blatt weiß: Hier ist er richtig.
Mit 36 Jahren beginnt er sein Grundstudium. Unter der Woche sitzt er in den Vorlesungen, am Wochenende kümmert er sich weiter um seinen Betrieb in Iserlohn. Im Zug lernt er Mathematik und als Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger finanziert er das Studium. Da er praktische Erfahrungen mit Holz aufweist, darf er bereits als Student eine eigene Vorlesung übernehmen. Von diesem Moment an steht für ihn fest: Er will in die Lehre. Das wird sein neues Ziel, auf das er alle weiteren Schritte ausrichtet – zunächst den Masterabschluss und anschließend eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich der Gebäudesimulation.
Hartnäckigkeit zahlt sich aus
Für seine Bachelorarbeit zu Calciumsulfat-Estrichen fährt Blatt nach Thüringen, wo Naturgips abgebaut wird, und sammelt vor Ort Material und Eindrücke, die heute in seine Vorlesungen einfließen. Auch beim Thema REA-Gips lässt er nicht locker: Als er von einem Kohlekraftwerk in der Nähe von Iserlohn hört, dass dort sogenannter REA-Gips anfällt, schellt er kurzerhand an und bekommt das Werk gezeigt.
Ähnlich ist es beim Rasterelektronenmikroskop: Eigentlich ist der Zugang nur für Restauratoren vorgesehen. Doch Blatt überzeugt den Lehrenden und erhält schließlich die Möglichkeit, die Technik für seine Gutachten und später auch für seine Lehre zu nutzen.
Nach seinem Bachelorstudium in Stuttgart führt ihn sein Weg für den Master an die Technische Universität München und danach wieder nach Stuttgart zur Universität als Wissenschaftlicher Mitarbeiter. Nach acht Jahren in der Lehre und Forschung als Wissenschaftlicher Mitarbeiter folgt er dann dem Ruf der Technischen Hochschule Lübeck in den Norden und ist seit 2021 Professor für Gebäudesimulation und -optimierung im Fachbereich Bauwesen. Die Studierenden honorieren seine Anekdoten und Beispiele aus der Praxis: Blatt wurde schon zweimal mit dem Studentischen Lehrpreis ausgezeichnet.
Damit schließt sich der Kreis: Was einst in der Tischlerwerkstatt begann, prägt heute seine Arbeit als Professor. Die Neugier auf Materialien, die Freude am Tüfteln und der Anspruch, Dinge in der Tiefe zu verstehen und zu optimieren.
Sein Tipp: Jeder bekommt vom lieben Gott Talente und trägt etwas im Herzen, das er gerne tut, um anderen Menschen einen Nutzen zu bieten. Dem sollte man einfach folgen.