
Mir hat das einfach nicht gereicht.
- Joachim
Wenn der Kopf nicht genug gefordert wird
Mit 16 Jahren lockt die Ausbildung in ein autonomes, selbstbestimmtes Leben. Der eigene Verdienst geht mit einem Gefühl von Freiheit einher. Doch nach einigen Jahren im Beruf überwiegte anderes Gefühl: Die Tätigkeit lastet den Kopf nicht aus. Es braucht eine Veränderung. Heute studiert Joachim Jeute an der TH Lübeck – auch ohne Abitur.
Mir hat ein bisschen die Motivation gefehlt, das Abitur zu machen
, sagt Joachim Jeute. Ich wollte mehr Selbstständigkeit.
Anfangen zu arbeiten, das eigene Geld verdienen, eigenverantwortlich wirtschaften und einfach die Möglichkeit haben, diese Erfahrungen alleine zu machen. Für ihn gibt es daher mit 16 Jahren und dem Realschulabschluss in der Tasche zunächst nur einen Weg: die Ausbildung zum Industrieelektriker für Geräte und System.
Die Ausbildung läuft sehr gut, direkt im Anschluss zieht er aus und arbeitet noch weitere drei Jahre im selben Betrieb. Es war allerdings nicht ganz das, was ich mir damals versprochen hatte
, sagt er rückblickend. Man war an der Fertigung in der Produktion beteiligt und manchmal in Abstimmungsrunden dabei. Mir hat das irgendwann nicht mehr gereicht
, sagt er.
Große Veränderung: Ohne Abitur an TH Lübeck
Der heute 23-Jährige hat gemerkt, dass sich etwas verändern muss, sonst werde er unglücklich. Sein Kopf wird zu wenig gefordert. Der erste Lösungsansatz besteht darin zu schauen, wie er sein Abitur nachholen könnte. Doch weder die Abend- noch die Fernschule passen damals in sein Privatleben.
Doch dann kommt der Punkt, an dem eine Veränderung unausweichlich ist: Ich wollte verhindern völlig demotiviert zur Arbeit zu gehen
, sagt er. Die fehlende Auslastung droht in Unlust zu kippen, also braucht es eine Lösung. Ein paar Freunde und Bekannte studieren an der TH Lübeck
, sagt er. Etwas in Richtung Technik sollte es werden. Dann stößt er auf die Möglichkeit des Probestudiums. Er kann sowohl die Ausbildung als auch die geforderte Berufserfahrung vorweisen. Auch ohne Hochschulzugangsberechtigung war ein Studium auf einmal möglich: Doch was soll es werden?
Studium der Biomedizintechnik an der TH Lübeck
Es soll eine technische Komponente enthalten sein und auf seine Ausbildung aufbauen – am Ende erscheint Biomedizintechnik am naheliegendsten. Schon mit der Ausbildung hat er sich erhofft einen Zugang zum Markt der Biomedizin zu erhalten. In seinem jetzigen Studiengang fasziniert ihn nicht nur der technische Anteil, sondern auch das Zusammenspiel der verschiedenen Disziplinen. Ein einfaches Beispiel ist ein Herzschrittmacher. Ein technisches Gerät, dass die biologische Körperfunktion unterstützt und dafür sorgt, dass Menschen länger leben können
, sagt er.
Der Weg in das Studium war auch der Start in ein komplett neues Leben. Ich habe durch das Probestudium die Möglichkeit ein Vollzeitstudiums komplett zu erleben
, sagt er. Ein solcher Schritt bedeutet allerdings auch Veränderung. Der einschneidendste Verzicht ist wahrscheinlich die Mobilität
, sagt er. Denn sein Auto hat er gegen einen kleinen Roller und ein Fahrrad getauscht. Das, was man an Geld jetzt nicht mehr hat, bekommt man allerdings in Form von Zeit und Möglichkeiten sich zu weiterzuentwickeln zurück.
Das Probestudium an der TH Lübeck als neuer Lebensweg
Ich wusste worauf ich mich einlasse
, sagt er. Er habe immer einen guten Überblick über seine Finanzen gehabt, gespart und damit ein gewisses Notfallpolster angelegt. Allerdings: Ich habe mich auch ein bisschen darauf verlassen, dass ich BAföG bekomme.
Anders als andere, hat er aufgrund seiner Ausbildung und der anschließenden Berufserfahrung ein Anrecht auf elternunabhängiges BAföG. Ganz reibungslos lief das allerdings nicht: beantragt im Juli 2025, erste Auszahlung im Januar 2026. Das hat meine Ersparnisse sehr schrumpfen lassen
, sagt er.
Natürlich sei das Studium ein kleiner Handel, den man eingehen müsse, aber er lohnt sich.
Auf der einen Seite hat er Freizeitaktivitäten ein bisschen eingeschränkt und statt groß mit Freunden Essen zu gehen, reicht auch der Kaffee und Quatschen. Auf der anderen Seite ist er jetzt in einem Umfeld, in dem sein Kopf gefordert wird. Er erhält Antworten auf Fragen, die er sich schon in der Ausbildung gestellt hat. Man tauche tief in die Materie ein, tiefer als die eigentlichen Fragen in der Prüfung am Ende manchmal sind. Seine Ausbildung will der heutige Student aber nicht missen, aus allen Stationen im Leben zieht man Wissen, dass sich am Ende zusammenfügen lässt.
Verzicht heißt nicht immer, dass etwas schlechter wird
Plan A ist für ihn der Weg in die Entwicklung von biomedizinischen Geräten. Technisch mitgestalten zu können, was anderen Menschen vielleicht das Leben retten könnte, fasziniert ihn. Eine Alternative wäre das Qualitätsmanagement – beides Vertiefungsrichtungen, die neben der Optik an der TH Lübeck im Bereich Biomedizintechnik angeboten werden.
Sein Tipp: Es lohnt sich, dass kann ich versprechen. Es ist leider notwendig sich finanziell ein bisschen abzusichern, zumindest ein halbes Jahr überbrücken zu können. Es läuft vielleicht auch nicht immer alles nach Plan. Aber alleine was ich an Lebensqualität zurückbekommen habe, war jeden Verzicht wert. Jeder sollte das machen, was er oder sie wirklich möchte, die Angst vor den Veränderungen sollte dabei zweitrangig sein.