Was passiert, wenn „der Stecker gezogen wird“
Als Hochschule digitalsouverän zu werden heißt, in Bezug auf Lehre, Forschung und Transfer arbeitsfähig zu bleiben – auch, wenn der Stecker gezogen wird
, so Dr. Ivan Morschel, Chief Information Officer (CIO) an der TH Lübeck. Er leitet das Vorprojekt UI- / UX-Analyse und Konzeption eines digitalsouveränen Arbeitsplatzes, das von Juni bis Dezember 2026 läuft und vom Institut für Interaktive Systeme (ISy) durchgeführt wird. Das gemeinsame Vorhaben ist ein Teilprojekt des vom Präsidium mandatierten Hauptprojekts Digitale Souveränität an der Technischen Hochschule Lübeck.
Anlass für solche Überlegungen sind rechtliche und politische Abhängigkeiten bei der Nutzung digitaler Dienste US-amerikanischer Unternehmen wie Microsoft. Der CLOUD Act aus dem Jahr 2018 verpflichtet sie dazu, unter bestimmten Voraussetzungen Daten an US-Behörden herauszugeben – selbst dann, wenn die Server dafür in Deutschland stehen.
Auch unabhängig vom CLOUD Act kann per Dekret durchgegriffen werden und etwa den Zugriff auf digitale Dienste einschränken. Ein prominentes Beispiel hierfür ist der Fall des ehemaligen Chefanklägers des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) Karim Khan: Nachdem der IStGH Ende 2024 Haftbefehl unter anderem gegen Israels Premier Benjamin Netanjahu erlassen hatte, reagierte US-Präsident Donald Trump. Im Februar 2025 verhängte er harte Sanktionen gegen IStGH-Offizielle – unter ihnen auch Karim Khan. Diese Sanktionen froren US-Vermögenswerte ein und bedrohten Firmen, die Khan unterstützten. Als direkte Folge fügte sich Microsoft dem Dekret und sperrte Khans offiziellen E-Mail-Account, sodass er zunächst von der Kommunikation des Gerichts abgeschnitten war und auf einen anderen Anbieter zurückgreifen musste.
Enger Zeitrahmen
Die Auseinandersetzung mit Alternativen zu Microsoft wird dringlicher, da der Konzern sein Angebot zunehmend auf cloudbasierte Dienste ausrichtet. So endet der Support für mehrere lokal installierte Produkte bereits im Oktober 2029.
Zudem laufen im Jahr 2030 bestehende Microsoft-Verträge an der TH Lübeck aus und müssen neu ausgehandelt werden. Das Vorprojekt soll deshalb frühzeitig untersuchen, welche Möglichkeiten für einen zukunftsfähigen digitalen Arbeitsplatz bestehen.
Akzeptanz als Schlüssel zur digitalen Souveränität
Im Mittelpunkt des Vorprojekts steht eine ganz praktische Frage: Wie nehmen die Mitarbeitenden die Veränderungen an? Es ist keine Rocket Science
, betont Morschel. Ob Lehrende, wissenschaftliche Mitarbeitende oder Verwaltungs-Angestellte: Entscheidend sei, die Anforderungen und Arbeitsweisen der verschiedenen Nutzergruppen zu verstehen. Neben dem Ziel der Datensouveränität sollen am Ende die Produktivität und bestehende Funktionen erhalten bleiben.
Uns geht es nicht darum, grundsätzlich alle Systeme durch Open-Source-Anwendungen zu ersetzen
, sagt Morschel. Stattdessen setzt das Projekt auf einen hybriden Ansatz und prüft von Fall zu Fall, welche Lösung für welche konkrete Anwendung geeignet ist.
Dies könnte etwa ein Wechsel von Windows zu Linux, von Microsoft Office zu LibreOffice oder von Outlook zu Thunderbird sein. Dafür werden typische Arbeitsszenarien der verschiedenen Nutzergruppen analysiert und mögliche Hürden bewertet. Eine Pilotphase mit Freiwilligen soll anschließend Erkenntnisse zu Akzeptanz, Schulungsbedarf und Supportstrukturen liefern.
Schulterschluss mit Strategie des Landes
Das Projekt der TH Lübeck wird durch das Digitalisierungsprogramm 4.0 des Landes Schleswig-Holstein gefördert. Dieses Programm verfolgt unter anderem das Ziel, die digitale Souveränität der öffentlichen Verwaltung zu stärken.
Die TH Lübeck hat das Vorprojekt aus eigener Initiative angestoßen und mit einem Antrag beim Bildungsministerium eingebracht. Der Hintergrund: Das ISy verfügt über langjährige Expertise in den Bereichen Benutzeroberfläche (UI) und Nutzererfahrung (UX). Darüber hinaus basieren bereits rund 70 Prozent der Anwendungen im Rechenzentrum der TH Lübeck auf Open-Source-Technologien, darunter BigBlueButton für Videokonferenzen oder Element für die Kommunikation.
Transfer über die TH Lübeck hinaus
Langfristig sollen die Erkenntnisse nicht nur an der TH Lübeck genutzt werden. Geplant ist für das Jahr 2027, andere Hochschulen zu beraten und später gegebenenfalls auch kleine und mittlere Unternehmen bei der Entwicklung digitalsouveräner Arbeitsplätze zu unterstützen, etwa in Form von Transferpaketen.





