Vom Vogelruf zum Datensatz: Erasmus+-Programm an der TH Lübeck

Sie streifen durch Naturschutzgebiete, lauschen Förstern und Vogelschützern, schippern nach Travemünde und fangen mit Sensoren Vogelstimmen ein. Beim Erasmus+-Programm „Biodiversity – How birds connect our world“ gehen Studierende aus Frankreich, Finnland und Deutschland der Biodiversität der Vögel nach und entwickeln eigene Forschungsfragen.

Gruppenfoto vor dem Audimax.

Aus Finnland sind Tuija Ranta-Korhonen und Shakil Regmi von der Xamk (South-Eastern Finland University of Applied Sciences) angereist, aus Frankreich Laurent Villermet vom Institut Universitaire de Technologie (IUT) de Saint-Étienne. Foto: TH Lübeck.

Eine Vorrichtung aus einem Eimer und Sensoren steht auf dem Campus.

Die Sensoren sammeln neben akustischen Signalen auch Umweltdaten wie Niederschlag, Temperatur, Luftfeuchte, Licht und Windgeschwindigkeit. Foto: TH Lübeck.

Das Foto zeigt einen lichten Wald.

Das Lauerholz ist Teil des Vogelschutzgebietes Traveförde und eine der Mess-Stationen des BIP. Foto: TH Lübeck.

Im Vordergrund ist Schilfrohr, im Hintergrund ein kleiner See.

Der Schellbruch ist ein bedeutendes Gebiet für Zugvögel aus dem Norden. Foto: TH Lübeck.

Die Gruppe blickt mit Ferngläsern und Spektiv auf den Schellbruch.

Durch Ferngläser und das Spektiv werden weit entfernte Vögel sichtbar. „Ob die wohl auch grad an irgendwas denken?“, fragt eine Studentin in die Runde. Foto: TH Lübeck.

Studierende sitzen auf einem Floß.

Auf elektrischen Flößen geht es für die Studierenden auf die Wakenitz. Foto: TH Lübeck.

Jetzt kommt der magische Moment. Es ist Montagabend, der 28. September 2026. Auf einem Labortisch steht eine selbstentwickelte Vorrichtung aus dem 3D-Drucker. Ihr Sensor hat das ganze Wochenende über akustische Daten aufgenommen – wenn alles gut gegangen ist. Nun steckt Christian Lohaus, Laboringenieur an der TH Lübeck, den USB-Stick in den Rechner. Alle schauen auf das Whiteboard. Hat die Batterie durchgehalten? Ein Klick, dann öffnet sich der Ordner: Audiodatei reiht sich an Audiodatei.

Vögel als Anzeiger für den Zustand von Ökosystemen

Welche Vogelarten da gesungen haben, wird sich in den kommenden Tagen zeigen. Der Sensor ist nur ein Baustein im Erasmus+-Programm Biodiversity – How birds connect our world, einem Blended Intensive Program (BIP), das Norbert Reintjes, Professor für Industrielle Ökologie, verantwortet. Das fünftägige Präsenzprogramm wird durch Online-Kurse ergänzt: Dort erwerben die Studierenden Grundlagen zu Naturschutzbiologie, Erfassungsmethoden und Datenverarbeitung, unter anderem mit geografischen Informationssystemen. Im Mittelpunkt des Programms stehen Zugvögel als Anzeiger für den Zustand von Ökosystemen. Ihre Verbreitung, Vielfalt und ihr Verhalten spiegeln die Qualität und Konnektivität von Lebensräumen wider. Für die erfolgreiche Reise muss auf der langen Route über Länder oder sogar Kontinente hinweg alles stimmen, so Reintjes.

Forschung aus einfachen Mitteln

Am Anfang stand eine Frage: Können wir ein Projekt über Vögel machen?, wollte Dorian, Student im Studiengang Umweltingenieurwesen und -management, wissen. Daraus entstand ein Mix aus Elektronik, Programmierung und Ökologie. So kostengünstig arbeiten wie möglich, lautete Reintjes’ Motto. Die Gehäuse der Sensoren kommen aus dem 3D-Drucker, die Eimer aus dem Restaurant der TH Lübeck. An drei Standorten, im Lauerholz, am Dummersdorfer Ufer und auf dem Campus selbst, wurden Sensoren aufgestellt. Die Aufnahmen werden später automatisiert analysiert, Vogelrufe identifiziert und für jeden Ruf wird eine Wahrscheinlichkeit ausgegeben, welche Vogelart ihn ausgestoßen haben könnte, erklärt Lohaus. Am Ende nimmt sich jedes internationale Studierenden-Team eine Vogelgruppe vor und formuliert eine eigene Forschungsfrage.

Station 1: Das Lauerholz

Einige Stunden vor dem magischen Moment, im Reisebus, greift Reintjes zum Mikrofon. We will challenge you, warnt er die Gruppe; der Tag ist eng getaktet. Durch das Fenster zieht Lübeck vorbei, ein Gewirr verschiedener Sprachen erfüllt den Bus. Beim ersten Halt führt Förster Jonas Gardlo vom Lübecker Stadtwald die Gruppe durch das Lauerholz und bleibt vor einer abgebrochenen Hainbuche stehen. Der Wind hat sie umgeknickt. Seit 1994 verfolgt der Stadtwald das Ziel, Nutzung und Natürlichkeit zu verbinden. Das ist ökologisch ein absolutes Pionierprojekt in Deutschland, sagt Gardlo. Wenn der Wald aus der Vogelperspektive einem Brokkoli ähnelt, sei er auf dem richtigen Weg: Große und kleine Kronen stehen nebeneinander, und ein strukturreicher Wald entsteht, der nicht nur Holz liefern kann, sondern auch zahlreichen Arten Lebensraum bietet. Das Lauerholz ist Teil des Europäischen Vogelschutzgebiets Traveförde und beherbergt einen der Sensoren.

Station 2: Der Schellbruch

Der Schellbruch ist ein 140 Hektar großes Schutzgebiet mit Süßwasserseen und ebenfalls Teil der Traveförde. Über das Jahr hinweg zählt das Gebiet bis zu 180 Vogelarten, darunter Blaukehlchen und Schilfrohrsänger. Hermann Daum vom NABU führt die Gruppe durch das Gelände. Durchs Spektiv zeigen sich Vögel, die dem bloßen Auge verborgen bleiben, wie Alpenstrandläufer und Kiebitze. Ganz andere Welt, staunt eine Studentin. Die Gänse fehlen heute weitgehend, da sie kurz vor dem Besuch der Gruppe von einem Fischerboot aufgescheucht wurden. Auf zwei Brutflößen, die der NABU pflegt, nisten aktuell 65 Lachmöwen-Paare. Früher waren es Tausende, bis die natürlichen Brutinseln überflutet wurden. 

200.000 Vogelrufe

Zurück an der TH Lübeck, mittlerweile ist es Abend, bauen die Studierenden die Sensoren auf dem Campus ab und tauschen die Batterien aus. Am nächsten Tag geht es aufs Boot, mit Blick aufs Dummersdorfer Ufer, wo zwei Sets an Sensoren Daten sammeln, und weiter nach Travemünde zum Naturfreundehaus Priwall. Es folgen eine Exkursion auf der Wakenitz und die Vorbereitung der Präsentationen in den Gruppen. Den Abschluss bildet am Freitag, den 2. Oktober, eine Mikrokonferenz, in der die Studierenden ihre Ergebnisse vorstellen. 

Bis dahin haben sie mit Hilfe von digitalen Tools die über 200.000 Vogelrufe von ca. 140 Arten entlang der selbstgewählten Fragestellungen ausgewertet. Die wichtige Validierung ist freilich ausgeblieben. Um die ornithologischen Ergebnisse geht es bei dem Projekt aber auch gar nicht: Die selbstgebauten Sensoren haben geliefert, die Python-Skripte funktioniert und die Studierenden erkennen die Verbindung der beteiligten Hochschulen – auch durch die Zugvögel.