Vom 7. bis 11. September 2026 wurde der Campus der Technischen Hochschule zum Treffpunkt für ein internationales Publikum. Wissenschaftler*innen aus den Bereichen Architektur und Ingenieurwesen trafen sich zur 44. eCAADe26, die in diesem Jahr unter der Leitung von Professor Benjamin Spaeth an der TH Lübeck ausgerichtet wurde.
Das Thema in diesem Jahr: informed creativity in architecture and engineering (übersetzt: Informierte Kreativität und Fertigung in Architektur und Ingenieurwesen). Im Fokus standen damit Künstliche Intelligenz (KI) und automatisierte Fertigung. Beides wird in den Bereichen Architektur und Ingenieurwesen immer relevanter. KI ermöglicht es, dass Maschinen lernen, denken, Probleme lösen, ihre Umwelt wahrnehmen und gesammelte Daten nutzen. Diese Entwicklung hat damit erheblichen Einfluss auf architektonische Entwurfsprozesse und rechnerische Methoden.
Internationale Wissenschaftler*innen zu Gast an der TH Lübeck
Die eCAADe (Education and Research in Computer Aided Architectural Design in Europe) ist ein gemeinnütziger Verband von Institutionen und Einzelpersonen mit gemeinsamem Interesse daran, gute Praxis zu fördern und Informationen über den Einsatz von Computern in Forschung und Ausbildung in Architektur und verwandten Berufen zu teilen. Sie wurde bereits 1983 gegründet. Die jährliche Konferenz findet immer an unterschiedlichen Universitäten und Hochschulen statt.
Bereits vor gut zwei Jahren bewarb sich Benjamin Spaeth, als langjähriges Mitglied des Verbandes, die Konferenz in Zusammenarbeit mit der TH Lübeck auszurichten. Jetzt war es so weit. Bei der eCAADe26 geht es nicht rein um Forschung, sondern auch um die Einbindung in die Lehre. Zwangsläufig ist KI ein großes Thema und wir müssen uns der Frage stellen, wie sich das auf die Hochschullehre auswirken kann
, sagt Spaeth.
Insgesamt (vor Ort und digital) hatten sich rund 230 Wissenschaftler*innen aus der ganzen Welt angemeldet. Von Wien, Weimar und Innsbruck über Singapur und Dublin bis in die USA – die Welt war zu Gast in Lübeck.
Workshops in denen selbst Hand angelegt wurde
Während die Konferenz selbst erst Mittwoch, dem 9. September 2026, startete, begannen die Workshops bereits am Montag. Die vielfältigen Themen erstreckten sich von der Vorstellung eines generativen Design-Workflows in Verbindung mit KI hin zur Nutzung von irregulären Materialien. Die Teilnehmer*innen beschäftigten sich unter anderem mit der Frage, wie man Materialien so nutzen kann, dass man möglichst wenig Abfall hat. Statt standardisierte Holzblöcke zu verwenden, die aus nur einem bestimmten Teil des Stammes gewonnen werden können, nutzt man auch andere Teile. Die Folge: Es wirkt vielleicht schiefer, ist allerdings individuell und umweltschonender.
Zum Konferenzstart am Mittwoch begrüßte auch Muriel Helbig, die Präsidentin der TH Lübeck, die internationalen Teilnehmer*innen. Mit KI haben wir ein neues Level erreicht. Es ist ein aufregendes und spannendes Thema, konfrontiert uns aber auch mit herausfordernden Fragen
, sagt sie und stellt die Frage: Was passiert mit Kreativität im Zeitalter von KI?
Für Wissenschaftler*innen liege hier auch die Verantwortung, Technologien nicht nur anzunehmen, sondern auch immer kritisch zu hinterfragen.
Kritisch hinterfragen, aber eben auch die Chancen sehen. Warum KI-Halluzinationen nicht als kreativen Motor statt falscher oder verzerrter Informationsweitergabe verstehen und nutzen? Als Beispiel nennt Spaeth das Forschungsprojekt Immersive Thessaloniki – ein interdisziplinäres Forschungsprojekt der University of Liverpool –, das sich mit der digitalen Rekonstruktion des verlorenen architektonischen Erbes der Stadt beschäftigt. Historische Karten und Fotos weisen Lücken auf, Forschende nutzen die KI, um diese Fehlstellen zu füllen.
Die einzelnen Sessions während der Konferenz drehten sich dann um Fragen wie: Ist KI in der Lage, materielles Verhalten oder Designabsichten zu verstehen? Existiert Design als kognitive Aktivität in der Reichweite von KI? Wie verändert KI das Verständnis und die Praxis von Design als kognitive Aktivität? Betrachten wir KI-Prozesse des generativen Designs als kreativ, und wenn ja, haben ihre Ergebnisse ästhetisches Potenzial im Sinne von Max Bense, oder sind sie Ergebnisse einer Maschinenhalluzination mit wenig Bezug zur praktischen Welt?
Ein Fazit der eCAADe26 an der TH Lübeck
Wenn wir auf die drei Tage der eCAADe-Konferenz zurückblicken, haben wir eine intensive und kritische Debatte über den Einsatz von Computational Methods in Architektur und Ingenieurwesen erlebt
, sagt Professor Spaeth abschließend. Im Mittelpunkt stand dabei insbesondere die Rolle der Künstlichen Intelligenz und ihr potenzieller Einfluss auf die Berufspraxis sowie die Ausbildung in Architektur und Design.
Unterbrochen wurden die Sessions durch vier interessante Keynotes. Sie boten dabei einen sorgfältig gesetzten Rahmen der Konferenzthemen. Nachdem Andy Brown die Ursprünge und die frühe Entwicklung des Architectural Computing beleuchtet hatte, erfuhren wir von Sigrid Brell-Cokcan mehr über dessen Anwendung in einer Vielzahl unterschiedlicher Szenarien und Forschungsprojekte, die bestehende Grenzen ausloten und erweitern.
Martha Tsigkari gab darüber hinaus Einblicke in den zunehmenden Einsatz und die Implementierung dieser Technologien in der architektonischen Praxis. Gleichzeitig wurde das Verständnis von und unser Verhältnis zu KI als Imitationsmaschine, wie Mario Carpo sie in seiner Keynote bezeichnete, reflektiert.
Diese Technologien verändern den Beruf und das Feld der Architektur unweigerlich – und die Forschungsgemeinschaft bleibt dabei dem Ziel verpflichtet, eine lebenswerte Welt zu gestalten
, so Spaeth weiter.
Weltbekannte Keynote-Speaker an der TH Lübeck
Andy Brown ist Professor für Interdisziplinäres Design an der Wellington School of Architecture der University of Wellington in Neuseeland. Er ist Associate Dean International und spielt eine führende Rolle im akademischen Management der Partnerschaft des Joint Education Institute mit der Zhengzhou University, die im September 2024 ihren ersten Jahrgang offiziell aufgenommen hat. Andrés Forschung und Lehre beschäftigen sich mit dem Bereich der Architekturtechnologien und deren interdisziplinärer Anwendung. Sein Thema in Lübeck: Eine kurze Geschichte der computerbasierten Architekturforschung.
Univ.-Prof. Dr.-techn. Sigrid Brell-Cokcan ist Gründerin und Leiterin des neuen Lehrstuhls für individualisierte Produktion an der RWTH Aachen und die aktuelle Präsidentin der Association for Robots in Architecture (RiA). In den vergangenen Jahren hat sie maßgeblich die einfache Anwendung von Industrierobotern für die Kreativwirtschaft vorangetrieben und an zahlreichen internationalen Forschungs- und Industrieprojekten mitgewirkt. In Lübeck widmete sie sich dem Thema: Die Baustelle der Zukunft – Wie KI und Robotik die Art und Weise, wie wir bauen und entwerfen, revolutionieren werden.
Martha Tsigkari ist Senior Partnerin und Leiterin der Forschungs- und Entwicklungsgruppe Applied Research and Development (ARD) bei Foster + Partners (F+P). Ihr fachlicher Hintergrund umfasst Architektur, Ingenieurwesen und Informatik. Ihre Arbeit umfasst die Entwicklung von ML-, Optimierungs- und Simulationstools, die Einführung integrierter Prozesse sowie die Entwicklung physischer Schnittstellen. Ein besonderes Interesse gilt dem Machine Learning. Ihr Thema in Lübeck: Das Schiff des Theseus.
Ein weiterer Redner war Mario Carpo. Er ist Reyner Banham Professor für Architekturgeschichte und -theorie am Bartlett, University College London, Gao Feng Professor am College of Architecture and Urban Planning der Tongji University sowie Professor Emeritus an der Universität für angewandte Kunst Wien. Carpos Forschung und Publikationen konzentrieren sich auf die Geschichte der frühneuzeitlichen Architektur sowie auf die Theorie und Kritik zeitgenössischer Gestaltung und Technologie. Sein Thema in Lübeck war: Generative KI und die Grenzen kreativer Imitation.
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