TH Lübeck: Mentoring in der Wissenschaft – Wege erkennen, Chancen nutzen

Wie gelingt eine wissenschaftliche Karriere? Welche Wege führen zu einer Professur – und welche Regeln gelten dabei, die niemand ausdrücklich erklärt? Und wie lassen sich wissenschaftliche Ambitionen und Familie miteinander vereinbaren? Fragen wie diese standen im Mittelpunkt der Mentoring-Beziehung von Dr. Mia Lahey-Rudolph und Dr. Bettina Jansen-Schulz im Prof:Me Mentoring Programm der TH Lübeck.

Zwei Frauen sitzen nebeneinander und lächeln in die Kamera.

Dr. Bettina Jansen-Schulz (r.) begleitete Dr. Mia Lahey-Rudolph im Rahmen des Mentoring Programms Prof:Me der Technischen Hochschule Lübeck auf dem Weg zu einer Bewerbung auf eine Professur.

Zwei Frauen stehen nebeneinander und halten einen Vortrag.

Dr. Mia Lahey-Rudolph (l.) und Dr. Bettina Jansen-Schulz sprachen bei der Auftaktveranstaltung der neuen Tandems im Programm Prof:Me über ihre Erfahrungen aus dem gemeinsamen Mentoring-Jahr.

Als Mia Lahey-Rudolph sich für das Programm bewarb, war sie hochschwanger. Zum Startschuss war ihr Sohn dann gerade einmal zwei Wochen alt. Ihre Motivation war zunächst pragmatisch: Während der Elternzeit wollte sie den Kontakt zur TH Lübeck halten und sich mit ihren beruflichen Möglichkeiten auseinandersetzen. Die Erwartungen waren erstmal eher gering, erzählt sie. Aber sie wurden dann sehr gut übertroffen.

Ihre Mentorin Bettina Jansen-Schulz brachte dafür nicht nur langjährige Erfahrung in Hochschullehre, Hochschuldidaktik und Gleichstellungsfragen mit. Sie kennt auch die Herausforderungen wissenschaftlicher Karrierewege aus eigener Erfahrung. Gerade im wissenschaftlichen Karriereweg möchte ich Frauen motivieren, diesen Weg zu gehen, sagt sie. Denn viele Spielregeln der Wissenschaft würden nicht selbstverständlich erklärt und weitergegeben werden.

Die heimlichen Wege der Wissenschaft

Bettina Jansen-Schulz spricht von heimlichen Wegen: von Kontakten, Empfehlungen und informellen Möglichkeiten, die für wissenschaftliche Karrieren eine wichtige Rolle spielen können. Häufig gebe es Professor*innen, die Nachwuchswissenschaftler*innen fördern, zu Vorträgen schicken oder Kontakte vermitteln. Nach ihrer Erfahrung profitieren Männer davon aber noch immer häufiger als Frauen.

Auch Mia Lahey-Rudolph kennt das Gefühl, sich selbst nicht immer ausreichend zuzutrauen. Als Frau denkt man schneller Mal, dass man vielleicht noch nicht so weit ist, sagt sie. Männer würden sich ihrer Erfahrung nach häufiger auf Positionen oder Aufgaben bewerben, auch wenn sie noch nicht alle Voraussetzungen erfüllten. Frauen hingegen warteten eher, bis wirklich jeder Punkt passe.

Genau hier setzte das Mentoring an. Mentorin Jansen-Schulz hatte eine Ausschreibung für eine Professur entdeckt, die sehr gut auf das Profil von Mia Lahey-Rudolph passte. Da die Bewerbungsfrist schon fast abgelaufen war, musste es schnell gehen: Das ist vor allem etwas, wo Mentoring helfen kann, sagt Lahey-Rudolph. Eine Mentorin kann dabei nicht nur Erfahrungen weitergeben, sondern auch dabei helfen, die eigene Position und die eigenen Möglichkeiten aus einer anderen Perspektive zu betrachten und sie – wie im Fall von Lahey-Rudolph – für eine Professurbewerbung ausbauen.

Für Jansen-Schulz gehört dazu auch, die richtigen Fragen zu stellen. Die Kunst beim Coaching ist es, dumme Fragen zu stellen, sagt sie. Im Mittelpunkt stehe nicht, der Mentee einen bestimmten Weg vorzugeben. Vielmehr gehe es darum herauszufinden: Welche Möglichkeiten gibt es im Wissenschaftssystem? Und welcher Weg passt überhaupt zur eigenen Person?

Von der Familienfrage zur Professur

Bei den beiden zeigte sich schnell, dass sie gut zusammenpassten. Lahey-Rudolph hatte verschiedene Mentorinnen zur Auswahl und entschied sich für Jansen-Schulz unter anderem aufgrund ihrer Erfahrungen sowohl an Universitäten als auch an Fachhochschulen. Außerdem spielte eine persönliche Gemeinsamkeit eine Rolle: Beide kennen die Herausforderung, wissenschaftliche Karriere und Familie miteinander zu verbinden.

Als Mütter wissen sie, dass für die Vereinbarkeit Organisation und Unterstützung entscheidend sind. Man muss sich sehr gut strukturieren und organisieren. Mehr als andere, die diese Doppelbelastung nicht haben, so Lahey-Rudolph.

Auch die Unterstützung des Partners spiele eine wichtige Rolle. Für Jansen-Schulz ist die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und wissenschaftlicher Karriere allerdings keine neue. Sie erinnert sich an Situationen aus ihrer eigenen Laufbahn, in denen Frauen sehr deutlich vermittelt wurde, dass eine wissenschaftliche Karriere mit Kindern schwierig oder gar nicht vereinbar sei. 

Als ich damals zu meinem Professor ging und sagte, dass ich promovieren möchte, war seine erste Frage, was denn mein Mann für einen Schulabschluss habe, erinnert sich Jansen-Schulz. Bewusst provokant antwortete sie, dass er einen Hauptschulabschluss habe: Dass mein Mann sich auf dem zweiten Bildungsweg hochgearbeitet hat hab ich nicht gesagt, sagt sie. Der Professor habe nur geantwortet: Lass das mal lieber, dass ist nicht gut für eure Ehe. Das sei jetzt rund 50 Jahre her, aber diese Gespräche gibt es heute noch.

Hinzu kommen strukturelle Herausforderungen. Befristete Stellen und zeitlich begrenzte Projekte prägen viele wissenschaftliche Karrierewege. Auch geförderte Projekte verlängern sich nicht automatisch, wenn jemand in Elternzeit geht. Gleichstellungsbeauftragte könnten auf solche Fragen aufmerksam machen, hätten aber nicht immer die Möglichkeit, alle Rahmenbedingungen zu verändern.

Was bedeutet Karriere überhaupt?

Für Lahey-Rudolph ist das Ziel, langfristig Forschung und Lehre miteinander verbinden zu können. Eine Professur würde ihr genau diese Verbindung ermöglichen. Im Mentoring Tandem kristallisierte sich heraus, dass eine Professur an einer Hochschule für angewandte Wissenschaften besser zu ihr passen würde als an einer Universität – vorher eine offene Frage.

Gleichzeitig hält sie sich weitere berufliche Möglichkeiten offen und plant zunächst Erfahrungen in der Pharmaindustrie zu sammeln. Gerade diese Industrieerfahrung könne für eine spätere HAW-Professur hilfreich sein.

Sichtbarkeit gehört zur wissenschaftlichen Karriere

Ein weiterer Punkt, über den die beiden sprechen, ist die eigene Sichtbarkeit. Wissenschaftliche Arbeit findet nicht nur im Labor, Hörsaal oder Büro statt. Wer langfristig Projekte entwickeln und Kooperationen aufbauen möchte, muss auch außerhalb der eigenen Institution sichtbar sein.

Lahey-Rudolph empfiehlt deshalb, nicht nur zu den Fachkonferenzen des eigenen Forschungsfeldes zu gehen, sondern aktiv mit anderen Wissenschaftler*innen ins Gespräch zu kommen. Ein Vortrag könne ein Anlass sein, jemanden anschließend anzusprechen oder beim gemeinsamen Essen weiterzureden. In der Wissenschaft musst du dich verkaufen, sagt auch Jansen-Schulz.

Das klingt zunächst ungewohnt – schließlich sollte wissenschaftliche Qualität im Mittelpunkt stehen. Doch für Jansen-Schulz und Lahey-Rudolph bedeutet Sichtbarkeit nicht bloß Selbstvermarktung. Wer Kooperationen eingehen oder gemeinsame Projekte entwickeln möchte, müsse zunächst dafür sorgen, dass andere wissen, wer man ist und woran man arbeitet. Man kann erst Projekte starten, wenn man in den Austausch geht, sagt Lahey-Rudolph. Die Leute müssen wissen, dass man existiert.

Mit ihrer Professurbewerbung habe Mia Lahey-Rudolph sich gut verkauft und hat gleich einen Listenplatz errungen – mit dem sie belegen kann, dass sie für weitere Stellen professorabel ist.

Mentoring als Raum für Erfahrung und Austausch

Das Mentoring Tandem Mia Lahey-Rudolph und Bettina Jansen-Schulz zeigt damit, was Mentoring leisten kann: Es geht nicht darum, einer Person einen fertigen Karriereplan vorzulegen. Vielmehr entsteht ein geschützter Raum, in dem Erfahrungen geteilt, Fragen gestellt und Möglichkeiten ausgelotet werden können.

Das Mentoring-Programm der TH Lübeck schafft dafür einen Rahmen – und bringt Menschen miteinander ins Gespräch, die unterschiedliche Erfahrungen, Perspektiven und Fragen mitbringen.

Mehr über das Mentoring Programm Prof:Me

Das Gleichstellungsbüro der Technischen Hochschule organisiert und begleitet seit 2022 ein Mentoringprogramm für Frauen. Zu der Zielgruppe gehören vorrangig Nachwuchswissenschaftlerinnen (von Masterstudentinnen über Promovendinnen und Lehrkräfte für besondere Aufgaben bis hin zu neu berufenen Professorinnen), aber auch Mitarbeiterinnen der THL, die an beruflicher Weiterentwicklung interessiert sind. Auch potenziell an einer Professur interessierte Frauen von außerhalb der TH Lübeck sind herzlich willkommen als Mentees. Weitere Informationen gibt es hier.

 

Bewerbung

  • Sie sind Nachwuchswissenschaftlerin, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Masterstudentin und/oder Mitarbeiterin der THL und möchten sich beruflich weiterentwickeln oder sind an einer Professur interessiert? Werden Sie Mentee 2026! Kontakt: profme(at)th-luebeck.de
  • Weitere Infos sowie Anmeldeunterlagen im Lernraum (th-intern): https://th-luebeck.de/profme
  • Kontakt: Joanna Kjer, joanna.kjer(at)th-luebeck.de Tel.: 0451-300 5078