Resilienz im Gesundheitsbau: Wie Krankenhäuser krisenfest werden

Wie halten Krankenhäuser Hitze, Cyberangriffen und anderen Krisen stand? Beim 2. Fachtag des Projekts Beyond Expediency im Bauforum der TH Lübeck zeigten Kliniken, Politik und Forschung: Resilienz erfordert Redundanz – und handlungsfähiges Personal.

Menschen sitzen in einem lichtdurchfluteten Raum auf Stühlen.

Das Bauforum war der Austragungsort des 2. Fachtags. Foto: Lutz Roeßler.

Eine Frau spricht ins Mikrofon.

Gesundheits- und Justizministerin Prof. Kerstin von der Decken betonte die Bedeutung des Austauschs zwischen Forschung und Praxis. Foto: Lutz Roeßler.

Ein Mann spricht ins Mikrofon.

Prof. Stephan Wehrig ist Projektleiter von Beyond Expediency. Foto: Lutz Roeßler.

Eine Frau steht am Podium.

Kanzlerin Yvonne Plaul zufolge beginnt Resilienz bei den Menschen. Dazu gehören ein offener Umgang mit Unsicherheit, unterschiedliche Perspektiven und eine gelebte Fehlerkultur. Foto: Lutz Roeßler.

Menschen unterhalten sich um einen Tisch herum.

In den Pausen gab es Zeit für Gespräche. Foto: Lutz Roeßler.

Fünf Personen sitzen im Halbkreis auf einem Podium.

Der 2. Fachtag wurde durch eine Podiumsdiskussion abgerundet. Foto: Lutz Roeßler.

Bis zu 43,1 Grad registrierte Freiburg im Juni dieses Jahres. In der extremen Hitze fiel am Universitätsklinikum die rund acht Kilometer lange unterirdische Warentransportanlage aus, die Wäsche, Medikamente und vieles mehr durch das Haus befördert. Die einberufene Task Force Hitze musste priorisieren, welche Räume deutlich heruntergekühlt werden: Geburts- und Palliativstation sowie Überwachungszimmer hatten Vorrang, berichtete PD Dr. Thorsten Hammer von der Stabsstelle Katastrophenschutz des Universitätsklinikums Freiburg.

Beyond Expediency: über die praktische Zweckmäßigkeit hinaus

Wie sich Krankenhäuser baulich und technisch auf Krisen wie den Hitzesommer 2026 vorbereiten lassen, untersucht das Projekt Beyond Expediency dessen 2. Fachtag am 29. Oktober gehalten wurde. Das gemeinsame Projekt des Landesministeriums für Justiz und Gesundheit und der Technischen Hochschule Lübeck startete Anfang 2025 und erarbeitet einen neuen Planungs- und Qualitätskompass für den Gesundheitsbau. Die Leitung übernimmt Prof. Stephan Wehrig von der TH Lübeck.

Dass der Fachtag im Bauforum stattfand, war kein Zufall, wie Prof. Dr. Kerstin von der Decken, Gesundheits- und Justizministerin des Landes Schleswig-Holstein, betonte: Es war eine ganz bewusste Entscheidung, dass wir uns im Bauforum der TH Lübeck treffen, an einer Hochschule für angewandte Wissenschaft. Hier solle der Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis, zwischen Erkenntnis und Entscheidung, gelingen.

Zwei Notstromaggregate statt einem: Redundanz schafft Sicherheit

Wie Resilienz-Maßnahmen konkret aussehen können, zeigte unter anderem Werner Christiansen, Abteilungsleiter Technischer Dienst am Klinikum Itzehoe. Seine wichtigsten Handlungsempfehlungen: den Strom über eine Ringeinspeisung beziehen, Redundanz schaffen und Klumpenrisiken vermeiden. Redundanz kann bedeuten, einen zweiten Serverraum mit identischer Ausstattung zu bauen oder für das Wasser zwei Einspeisepunkte vorzusehen. Klumpenrisiken vermeidet, wer Anlagen auf mehrere Standorte verteilt. Beispielsweise rät er zu Notstromaggregaten an verschiedenen Orten, damit ein Brand nicht die gesamte Versorgung lahmlegt.

„Resilienz ist kein Zufall – sie ist Ingenieursarbeit“

Doch wie plant man für eine Zukunft, die niemand kennt? Was wir heute planen, bauen und fördern, muss auch unter Bedingungen funktionieren, die wir heute gar nicht voraussehen können, so Ministerin von der Decken. Prof. Alexander Stolz, Abteilungsleiter am Fraunhofer-Institut für Kurzzeitdynamik, setzt dabei auf Zahlen. Online zugeschaltet, erklärte er, wie sich Resilienz in eine messbare Größe überführen lässt.

Sein Modell beginnt mit der Funktionalität eines Systems, die im Normalzustand bei 100 Prozent liegt. Tritt eine Krise ein, fällt sie ab, erreicht ein Tal und kehrt durch Maßnahmen schließlich zurück. Ziel ist ein langsamer, kontrollierter Leistungsverlust, eine sogenannte Graceful Degradation, und eine schnelle Wiederherstellung. Simulationen zeigen, welche Maßnahmen bei möglichst geringen Kosten die größte Wirkung haben. Am Beispiel eines Hochwassers lässt sich berechnen, wie hoch das Wasser an einzelnen Infrastrukturen steht, welche Schäden ein Krankenhaus bei diesem Pegel nähme und wo die Kosten liegen. So lassen sich unterschiedliche Schutzmaßnahmen bereits im Vorfeld vergleichen und ihre Auswirkungen auf die Versorgung bewerten. Resilienz ist kein Zufall – sie ist Ingenieursarbeit, sagte Stolz.

Resilienz im Neubau

Wie sich Resilienz in einem Krankenhausneubau verankern lässt, untersucht das Klinikum Nordfriesland gemeinsam mit der TH Lübeck am Beispiel der geplanten Klinik Am Wattenmeer in Husum. Für den Neubau gab es ausnahmsweise einen Förderbescheid für die Phase 0, die intensive Vorplanung, berichtete Stephan Unger, Geschäftsführer des Klinikums Nordfriesland. 

Nun priorisiert das Team Schutzmaßnahmen, die über die gesetzlichen Vorgaben hinausgehen, und beziffert ihre Kosten. Besonders wertvoll sind Maßnahmen mit Breitenwirkung, sagt Cornelius Strübing, Architekt bei BDA. Ein hochgedämmtes Gründach beispielsweise kühlt einerseits und gibt andererseits bei Starkregen das Wasser zeitverzögert ab.

Welche baulichen Ansätze Gebäude widerstandsfähiger gegen Hitze machen, zeigte auch Prof. Stefan Rappold vom Architekturbüro White Arkitekter in seiner Keynote. Wärmespeichernde Bauteile, Fassaden-Verschattung und natürliche Belüftung gehören für ihn zur Grundausstattung robuster Bauten.

Technik funktioniert nicht ohne Menschen

Dauerhaft funktioniert keine Technik ohne Personal, betonte Christiansen. Im Ereignisfall entstehe ein Konflikt zwischen der Versorgung der Patient*innen und der Sicherheit der eigenen Familie. Ein möglicher Ausweg sei, den Angestellten anzubieten, ihre Kinder zum Arbeitsplatz mitzunehmen.

Wie wichtig das Personal im Krisenfall ist, bestätigten die Erfahrungen aus Berlin. Bei dem Stromausfall im Januar 2026 liefen im Immanuel Krankenhaus glücklicherweise das Notstromaggregat und die elektronischen Patientenakten, berichtete Geschäftsführer Roy J. Noack. Offen blieb zunächst, ob sich die Dienstpläne halten ließen und die Frage, ob Kitas und Schulen trotz des Stromausfalls geöffnet waren.

Dass Resilienz bei den Menschen beginnt, betonte auch Kanzlerin Yvonne Plaul. Sie plädierte dafür, Unsicherheit offen anzusprechen, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und Räume zu schaffen, in denen aus Fehlern gelernt werden kann. Resilienz heißt auch: Wir nehmen einander ernst.

Ausblick auf das Projekt

Für das Projekt formulierte Wehrig eine klare Forderung: Jede Resilienz-Maßnahme soll einen Mehrwert für Nachhaltigkeit, Architektur und Wandelfähigkeit liefern. Resilienz sei eine Aushandlung, die im Kontext steht. Es gehe nicht darum, sich nur auf den Ernstfall einzustellen, sondern auch den Gewinn für den Alltag zu suchen. Als Meilenstein nannte er die neue Fördergrundlage, die mit dem Projekt erarbeitet und zum 1. Januar 2028 veröffentlicht werden soll. 

Daran, dass die Zeit drängt, ließ Hammer vom Universitätsklinikum Freiburg keinen Zweifel: Der Hitzesommer sei ein Stresstest gewesen, und die Hitze werde bald wiederkommen. Krankenhäuser müssten für den Normalbetrieb optimiert und zugleich so gebaut werden, dass sie dem Ausnahmezustand standhalten.

Was verstehen wir unter Resilienz?

Resilienz bezeichnet in der Sicherheitsforschung die Fähigkeit eines Systems, tatsächliche oder potenziell widrige Ereignisse abzuwehren, sich darauf vorzubereiten, sie einzukalkulieren, sie zu verkraften, sich davon zu erholen und sich ihnen immer erfolgreicher anzupassen. Diese Arbeitsdefinition stammt aus der acatech-Studie „Resilien-Tech“ (2014), auf die sich Prof. Dr. Alexander Stolz in seinem Vortrag stützte. Sie versteht Resilienz als Kreislauf aus vorbereiten, verhindern, schützen, reagieren und erholen.

Hier geht es zum Bericht über den 1. Fachtag von Beyond Expediency.