Forschungsprojekt Verhaltensökonomik
Behavioural Economics
Spätestens seit der Verleihung des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften 2017 an Richard H. Thaler sind verhaltensökonomische Experimente (wieder) in aller Munde. Die Verhaltensökonomik (Behavioural Economics) beschäftigt sich mit der Schnittmenge zwischen wirtschaftswissenschaftlicher Theorie und menschlichem Verhalten; sie untersucht beispielsweise, warum wir mit Geld so umgehen, wie wir es tun.
Pioniere der Behavioural Economics wie u.a. Amos Tversky und Daniel Kahneman zeigten bereits in den 1970er Jahren, dass Menschen sich nicht immer so verhalten, wie es das Standardmodell der Ökonomik mit den Annahmen einer grenzenlosen Rationalität und eines strikten Eigennutzes voraussagt. In einfachen Experimenten gelang es, zahlreiche Verhaltensverzerrungen, d.h. systematische Abweichungen des Entscheidungsverhaltens von der Prognose des Standardmodells, nachzuweisen.
Ziel dieses Projektes, welches die einmalige Möglichkeit bietet, Aspekte zahlreicher Disziplinen der Betriebs- und Volkswirtschaftslehre (z.B. Investition und Finanzierung, Marketing, Marktforschung (Consumer Behaviour), Human Ressource Management, Statistik wie auch Wirtschaftsethik und Wirtschaftspsychologie) miteinander zu verbinden, ist ein verbessertes Verständnis der Art und Weise wie Individuen (ökonomische) Entscheidungen treffen.
Kontakt
| Prof. Dr.
Leef H. Dierks | |
| Telefon: | +49 451 300 5047 |
| E-Mail: | leef.dierks@th-luebeck.de |
| Raum: | G.2 17-1.27 |
Praxisbezug prägt Forschung und Lehre der Technischen Hochschule Lübeck. Doch obwohl der den Annahmen der Wirtschaftswissenschaften zugrundeliegende sog. Homo Oeconomicus in der Praxis de facto irrelevant ist, wurde dem Bereich der Verhaltensökonomik, deren Ziel es u. a. ist, menschliches Entscheiden verständlicher und realistischer darzustellen, kein besonderer Stellenwert eingeräumt.
Weder wurde zu diesem Thema geforscht, noch gelehrt, und das obwohl der Homo Oeconomicus als rationaler Entscheidungsträger der klassischen ökonomischen Modelle nachweislich und ausschließlich einem theoretischen Paradigma entspricht. In der Praxis werden Entscheidungen von Menschen getroffen, die sich bewusst oder unbewusst an ihrem Umfeld orientieren, von Emotionen beeinflusst werden und per se lediglich zu einem begrenzt rationalen Verhalten in der Lage sind. Ökonomische Entscheidungen resultieren in der Praxis nur seltenen aus dem betriebswirtschaftlichen Mantra, stets nur den Eigennutz maximieren zu wollen. Doch was auf den ersten Blick aus wirtschaftlicher Perspektive negativ erscheinen mag, kann langfristig betrachtet durchaus Vorteile mit sich bringen.
Diese können z.B. aus der Anwendung von Heuristiken (mentale Faustregeln, um Entscheidungsprozesse abzukürzen) resultieren, welche sich oftmals (trotz oder gerade wegen ihrer Einfachheit) als ausgesprochen effizientes Instrument zur Entscheidungsfindung erweisen.
Wir befassen uns u. a. mit folgenden Themen:
- ((Ir-) Rationales) Herdenverhalten an Geld- und Kapitalmärkten
- Der Einfluss von Unsicherheit auf Marktentwicklungen
- Finanzmarktstabilität in Anbetracht der Nachwirkungen der Finanzkrise
- Heuristiken als effizientes Instrument in der Entscheidungsfindung
- Strategien, Verzerrungen und systematische Fehler

Ziel dieses Forschungsprojekts ist der schrittweise Aufbau einer verhaltensökonomischen Expertise an der Technischen Hochschule Lübeck. Parallel zur Teilnahme an entsprechenden internationalen Konferenzen und dem Verfassen wissenschaftlicher Paper erfolgt die Implementierung einer Vorlesung auf dem Gebiet der Behavioural Economics zum Wintersemester 2020/2021.
Wissenschaftliche Tagungen:
- April 2019 in Prag: Prague Conference on Behavioral Sciences
- November 2019 in Madrid: 3rd Annual Madrid Conference on Austrian Economics
Veröffentlichungen
Dierks, L. H. und Tiggelbeck, S.: Abschied vom Homo Oeconomicus: Begrenzt rationales Entscheidungsverhalten in der ökonomischen Urteilsfindung, Der Betriebswirt, Bd. 60, Heft 1, 2019, S. 28-32
Durch moderne Ansätze der Behavioural Economics ist es möglich, Verhaltensmuster der Wirtschaftsakteure in unsicheren Szenarien realitätsnäher als bisher abzubilden. Im Hinblick auf vermeintlich begrenzt rationale Phänomene an Finanzmärkten dient die Analyse kognitiver Verzerrungen (Rückschaufehler, Bestätigungsirrtümer, Halo-Effekte) sowie die Anwendung von Heuristiken als Basis, ein Verständnis für menschliches Verhalten in ökonomischen Entscheidungssituationen zu entwickeln. Die Realität ist für jeden Marktteilnehmer ein Konstrukt der subjektiven Wahrnehmung, welche durch das Umfeld unterschiedlich beeinflusst wird.
Dierks, L. H. und Tiggelbeck, S.: Zur Irrationalität ökonomischer Entscheidungen: Herdenverhalten und Finanzmarktstabilität, WiSt – Wirtschaftswissenschaftliches Studium, Jahrgang 48, Heft 12, 2019, S. 26-32
Herdenverhalten unter Investoren wird nicht erst seit der Finanzkrise 2008 als ernstzunehmende Bedrohung für die Finanzmärkte wahrgenommen. Derartige Massenbewegungen vermögen Anomalien wie Spekulation- oder Preisblasen zu begünstigen. Dieses sog. Investor Herding, welches auf den ersten Blick zunächst irrational scheint, kann unter Umständen jedoch durchaus rational sein. Hier spielen weniger „Fakten“ als das Phänomen der Erwartungshaltung, welche in eine selbsterfüllende Prophezeiung münden kann, eine entscheidende Rolle. Sobald eine Massenmeinung vorliegt, kann es aus ökonomischer Perspektive sogar rational sein, sich dieser (und sei es temporär) anzuschließen.
Dierks, L. H. and Tiggelbeck, S.: (Ir-)Rationality of Investor Herding, Market Processes - European Journal of Political Economy, Vol. XVI, No. 2, 2019, pp. 253-270
Our contribution aims at enhancing approaches from Austrian Economics with selected features from Behavioural Economics, illustrating that the scope of Austrian Economics is by no means as limited as critics claim. As both, Behavioural Economics and Austrian Economics, insistently question the very nature of human rationality, any combination of these paradigms enhances today’s fragmentary understanding of investor’s behaviour. Regarding herd behaviour on financial markets triggers the question to what extent individual investor behaviour actually exists. According to Hayek (1996), individualism is non-existent in an environment in which subjectivism creates a spontaneous order by interacting with other (market) participants. Thus, speculative bubbles are a prime example of how investor’s biased perceptions about losses and gains trigger an emotions-based process of decision-making.
- Vorlesung Behavioural Economics im Umfang von zwei Semesterwochenstunden im ersten Semester des Studiengangs Betriebswirtschaftslehre M.A. (ab dem Wintersemester 2020/21)
| Prof. Dr.
Leef H. Dierks | |
| Telefon: | +49 451 300 5047 |
| E-Mail: | leef.dierks@th-luebeck.de |
| Raum: | G.2 17-1.27 |
Prof. Dr. Leef H. Dierks ist Inhaber der Professur für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Finanzierung und Internationale Kapitalmärkte an der Technischen Hochschule Lübeck. Zu seinen bevorzugten Forschungsgebieten zählen neben der internationalen Geld- und Währungspolitik insbesondere auch Behavioural Finance/Economics.





