Wer an ein Stipendium denkt, hat vielleicht noch das Klischee im Kopf, dass eine Förderung nur die Studierenden erhalten, die mit Bestnoten brillieren und einen lückenlosen Lebenslauf vorweisen. Noten spielen noch immer eine Rolle, aber der Förderfokus verschiebt sich hin zu gesellschaftlichem Engagement, der Bereitschaft, sich einzubringen, und Verantwortung zu übernehmen. Doch das kostet Zeit.
Das Deutschlandstipendium war mir ein Begriff, aber ich glaube, ohne den Ansporn einer Freundin hätte ich mich nicht beworben
, sagt Aileen Ripp, die gerade in ihr Masterstudium der Nachhaltigen Chemie an der TH Lübeck startet. Mein Gedanke war: Da bewerben sich bestimmt sehr viele und einen 1,0-Durchschnitt habe ich auch nicht
, erinnert sie sich. Ihre Freundin ließ nicht locker: Zum Glück!
, freut sich Ripp heute.
Deutschlandstipendium an der TH Lübeck
Grundsätzlich funktioniert das Konzept des Deutschlandstipendiums so: Studierende bewerben sich online und reichen dabei unter anderem ihre Immatrikulationsbescheinigung, ihre Noten, ihren Lebenslauf und ein Motivationsschreiben ein. Zusätzlich dazu kann beispielsweise auch angegeben werden, dass man ein Arbeiterkind ist oder ein Ehrenamt ausübt.
Die Hochschule trifft dann die Entscheidung darüber, wer für die anstehende Förderperiode – in der Regel von einem Jahr – ein Stipendium erhält. Insgesamt erhalten die Studierenden eine einkommensunabhängige Förderung von 300 Euro im Monat. Eine Hälfte finanziert der Bund, die andere Hälfte wird durch private Fördernde finanziert. Ein entscheidender Bestandteil des Deutschlandstipendiums an der TH Lübeck ist, dass sich Stipendiat*innen und Fördernde kennenlernen.
Jede Förderperiode ist daher mit einem Rahmenprogramm verbunden. Von einem Tabledinner, mit wechselnden Tisch- und Gesprächspartner*innen, über einen Austausch zum Thema zukünftige Arbeitswelt bis hin zu einem kleinen Knigge Kurs ist für die Stipendiat*innen und Fördernden vieles dabei. Im Vordergrund stehen dabei der Austausch, das Kennenlernen und Vernetzen – vielleicht auch schon für die Zukunft.
Vernetzung und Austausch von Stipendiatin und Förderin
Das erste Mal habe ich Frau Plauls Namen auf dem Vertrag gelesen
, erinnert sich Aileen Ripp. Yvonne Plaul ist die Kanzlerin der TH Lübeck und seit einigen Jahren private Förderin des Deutschlandstipendiums. „Ich finde Studienförderungen immer sehr ehrenwert, aber was mich hier besonders angesprochen hat, war der Schwerpunkt auf dem ehrenamtlichen Engagement“, sagt sie. Ja, gute Leistungen sind wichtig, aber mal links und rechts zu schauen, auch außerhalb der eigenen Fachlichkeit, kann das Leben insgesamt sehr bereichern.
Einmal im Jahr werde Plaul gefragt, ob sie auch in der kommenden Förderperiode eine*n Studierende*n unterstützen möchte. Bisher war ihre Antwort immer ganz klar: Ja! Aileen Ripp ist mittlerweile die vierte Stipendiatin. Das Deutschlandstipendium ist ein kleiner Baustein, den ich übernehmen kann, um den Studierenden mehr Freiraum zu geben, damit sie ihren Neigungen nachgehen können
, sagt die Kanzlerin.
Persönliche Weiterentwicklung im Studium
Ich habe genau das während meines Studiums genießen dürfen
, erzählt sie. Ich hatte das Glück, dass mein Studium finanziert war und ich nicht arbeiten gehen musste. Ich weiß das sehr zu schätzen und auch, was für ein Luxus das war.
Rückblickend sei diese Zeit ein großer Schritt in Sachen Persönlichkeitsentwicklung gewesen. Ich konnte Ideen nachgehen, die sich durch Gespräche ergaben, mich hochschulpolitisch und für Andere in der Fachschaft engagieren
, sagt sie.
Mit der Förderung konnte sich Aileen Ripp mehr auf ihr Bachelorstudium der Angewandten Chemie fokussieren und den Blick auch auf Dinge richten, die außerhalb der Lehrbücher und Seminarräume lagen. Ich hatte Zeit, mich mehr bei den China-Buddys zu engagieren
, sagt Ripp. Im Rahmen des deutsch-chinesischen Studienmodells mit der East China University of Science and Technology (ECUST) begleitet sie ausländische Studierende, hilft ihnen, sich im Alltag in Lübeck und an der TH zurechtzufinden.
Neue Wege durch mehr Freiheit
Dadurch ist auch mein Interesse an der chinesischen Kultur gewachsen
, sagt sie, und jetzt gehe ich selbst für ein Semester im Rahmen desselben Programms nach China und werde dort ein Praktikum machen.
Eine Last nehmen, den Blick auf andere Dinge richten können – für Aileen Ripp war es die Chance, einen Weg einzuschlagen, der ohne eine Förderung vielleicht gar nicht greifbar gewesen wäre.
Neben dem Rahmenprogramm des Deutschlandstipendiums, zu dem unter anderem Treffen der Stipendiat*innen und der Fördernden gehören, haben sich Aileen Ripp und Yvonne Plaul auch auf einen Austausch abseits der offiziellen Termine verständigt. Ich möchte nicht einfach nur einen Betrag überweisen, sondern die Person auch kennenlernen
, sagt Plaul. Ich empfinde das als eine wirkliche Bereicherung.
Förderung an der TH: Über das Finanzielle hinaus
Ripp erzählt, dass sie aus dem ersten Treffen mit ihrer Förderin mit einer sehr guten Energie
rausgegangen ist. Ich nehme ganz viel Motivation mit und die Tatsache, dass sich häufig auch mal ein Perspektivwechsel lohnt
, erklärt sie. Als Studentin sehe sie nur die eine Seite der Hochschule, durch Yvonne Plaul lerne sie die Verwaltungsseite ein wenig kennen und werde auf Programme und Hilfestellungen aufmerksam, die sie bisher nicht kannte. Ich habe festgestellt, dass es hier viele Menschen gibt, die sich wirklich um einen kümmern
, sagt sie.
Ich schätze den persönlichen Kontakt sehr, weil ich als Privatperson viel mitnehmen kann, aber eben auch als Kanzlerin
, sagt Yvonne Plaul. Das beste Konzept, die beste Strategie in der Schublade zu haben, ist das eine, aber einmal persönlich zu sprechen und direktes Feedback zu bekommen, da entsteht häufig viel mehr draus.





