Anfang 2025 befasst sich die Bachelorstudentin Britta Leonhard das erste Mal mit möglichen Themen für ihre Abschlussarbeit. Die zu diesem Zeitpunkt 47-Jährige studiert Medieninformatik im Online-Studium an der TH Lübeck. „Ich wollte etwas machen, was im besten Fall am Ende auch eine Anwendung findet und nicht in irgendeiner Schublade verschwindet“, erklärt sie. Das führt sie auf die Seite des Kompetenzzentrums ISy (Institut für Interaktive Systeme) der Hochschule, auf der unter anderem Themen für Abschlussarbeiten vergeben werden, die einen aktuellen und anwendungsorientierten Forschungsansatz bieten.
Ein Thema fällt ihr dabei sofort ins Auge: Diversity Personas und eine eventuelle Umsetzung als Chatbot. Gerade die Einbindung von Künstlicher Intelligenz reizt sie an dem Thema, auch wenn sie das Wort Diversity zunächst ein wenig abgeschreckt habe, wie sie verrät. Ich bin ja nicht ganz jung, und manchmal kam mir zum Beispiel das Gendern auch übertrieben vor. Aber genau deshalb fand ich das Thema am Ende so interessant, denn so konnte ich mich wirklich mit den Hintergründen von Diversität beschäftigen – wo kommt es her, was steckt dahinter
, erklärt Leonhard.
Diversity Chatbot: Digitale Bildungsangebote inklusiver gestalten
Mit ihrer Arbeit möchte Britta Leonhard zeigen, wie modellierte Diversity Personas in Form eines Chatbots dabei helfen können, die digitalen Bildungsangebote inklusiver zu gestalten. Grundlage ist hier die vom ISy mitentwickelte Weiterbildungsplattform Digital Learning Campus (DLC). Zur Entwicklung der Angebote wird bereits jetzt Künstliche Intelligenz eingesetzt. Diese KI-Systeme bergen allerdings das Risiko von Verzerrungen und Stereotypisierung. In der Arbeit von Leonhard geht es deshalb darum, Entwickler*innen für potenzielle Bias – also die Verzerrungen – zu sensibilisieren und damit zu vermeiden, dass unbewusste Vorurteile in die Entwicklung von Lernangeboten mit einfließen.
Diversity Personas sind fiktive, datenbasierte Charaktere, die dazu dienen, die Vielfalt von Nutzer- oder Zielgruppen zu repräsentieren. Es geht also nicht darum, zu verallgemeinern und sich auf wenige Eigenschaften zu fokussieren, sondern um eine möglichst große Vielfalt, erklärt Leonhard. Aber: Wenn man sich für eine oder mehrere Eigenschaften entscheidet, die man einer Persona zuordnet, entscheidet man sich sofort auch gegen eine andere
, sagt sie. Ihre Personas bilden daher zwar nicht alle Diversitätsdimensionen ab, die es gibt, inhärent aber ein breites Spektrum.
Der Ansatz der unterschiedlichen Diversitätsdimensionen, die sich überschneiden, wird als Intersektionalität bezeichnet und beschreibt die Möglichkeit, dass Personen verschiedene Eigenschaften aufweisen, für die sie in der Gesellschaft diskriminiert werden könnten. Als Beispiel nennt Leonhard eine Schwarze Frau mit einer Einschränkung beim Gehen. Die Dimensionen wären hier: Geschlecht, Ethnische Herkunft und körperliche Fähigkeiten.
Chatbots geben Antworten auf Fragen zur digitalen Teilhabe
Insgesamt gibt es fünf Bots: Sarah, Karim, Marie, Roman und Chris – und zusätzlich dazu noch einen Zufallsbot, bei dem der*die Nutzer*in vorher nicht weiß, mit wem sie es zu tun hat. Die Bots weisen unterschiedliche Eigenschaften auf. Sarah ist beispielsweise eine jüdische Frau aus Frankreich, alleinerziehende Mutter mit drei Kindern und einer steifen Hand. Marie hat unter anderem ADHS und daher mit Konzentrations- und Strukturierungsproblemen zu kämpfen. Roman repräsentiert die Kerndimension Alter und beschäftigt sich im Ruhestand mit seiner digitalen Weiterbildung.
Den Bots können alle möglichen Fragen gestellt werden, um zu lernen, wie ihre Lebensrealität aussieht und was genau sie zum Lernen im digitalen Bereich benötigen. Darauf angepasst können dann Bildungsangebote entwickelt werden. Es verändere den Blick, sagt Leonhard, und ergänzt: Ich denke schon, dass ich durch meine Arbeit mit den Bots noch ein bisschen offener geworden bin. Sie können dabei helfen, Hemmschwellen gegenüber tabuisierten Themen abzubauen, die man im Gespräch mit einer echten Person nicht direkt ansprechen würde.
Bachelorarbeit mit Female Excellence Award ausgezeichnet
Mit ihrer Arbeit zeigt sie eindrücklich, wie wichtig es bei dem Einsatz von KI ist, die Stereotypisierung im Blick zu behalten, und dass der technologische Fortschritt am Ende immer vor allem ein menschliches Thema ist. Für ihre Arbeit wurde Britta Leonhard jetzt mit dem Female Excellence Award – Ethics of Digitization vom Karlsruher Institut für Technologie ausgezeichnet.
Eine Auszeichnung, die sie am Ende einem mutigen Schritt zu verdanken hat. Ich wollte noch mal was anderes machen
, so ihre Erklärung, mit 42 Jahren noch einmal ein Studium zu beginnen. Diese Entscheidung konnte sie nur umsetzen, weil ihr das Format des Online-Studiums der TH Lübeck in Form von Flexibilität sehr entgegenkam. Innerhalb von sechs Jahren machte sie ihren Bachelorabschluss – neben der Arbeit und dem Privatleben. Genau die Flexibilität, die sie zum Teil auch bei ihren Bots verbaut hat, denn Diversität betrifft am Ende alle.




