Neun Jahre im Amt hinterlassen nicht nur in dem einen oder anderen Dokument Spuren, sondern auch in Haltung, Perspektive und den tatsächlichen Veränderungen an der TH Lübeck. Für Frank Schwartze endet eine Zeit zwischen Gestaltungswillen, Systemlogik und der Kunst, beides miteinander zu verbinden.
TH Lübeck: Herr Schwartze, wir starten mit einem kleinen Spielchen. Ein Begriff, spontane Antwort. Erster Begriff: Innovation.
Prof. Frank Schwartze: Ganz schwieriges Geschäft, denn Innovationen sind nicht planbar.
TH Lübeck: Bürokratie.
Schwartze: Ganz wichtig.
TH Lübeck: Lübeck.
Schwartze: Ein wirklich schöner Standort.
TH Lübeck: Zukunft.
Schwartze: Zum Glück nicht vorhersehbar.
TH Lübeck: Wenn Sie Ihre Zeit als Vizepräsident in drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?
Schwartze: Freude am Gestalten.
Hochschulleitung: Der Wunsch zu gestalten
TH Lübeck: Was hat Sie damals gereizt, in die Hochschulleitung zu gehen?
Schwartze: Meine Disziplin, die Stadtplanung, beschäftigt sich damit, wie unsere gemeinsamen Systeme, Lebenswelten, unsere Städte und Dörfer entwickelt werden. Es bleibt aber meist abstrakt, denn häufig sieht man nicht, was aufgrund des eigenen Tuns am Ende rauskommt. Und genau da lag wahrscheinlich mein Antrieb: Der Wunsch zu gestalten und auch eine konkrete Wirkung zu erzielen.
TH Lübeck: Gab es einen Moment, in dem Sie gezögert haben, das Amt anzunehmen?
Schwartze: Ach, so bin ich nicht aufgestellt. Ich verlasse mich da auf mein Bauchgefühl.
TH Lübeck: Was war rückblickend Ihr wichtigstes Projekt – und warum?
Schwartze: Tatsächlich war das für mich die Umsetzung unserer Forschungs- und Transferstrategie.
Was man an Hochschulen tut, tut man gemeinsam
TH Lübeck: Wo erkennen Sie, dass Ihre Arbeit Wirkung gezeigt hat?
Schwartze: In der Regel ist es keine individuelle Arbeit, die eine Wirkung erzeugt hat, denn alles, was man an Hochschulen tut, macht man immer mit anderen zusammen. Und da ist es dann wohl, neben dem bereits Genannten, die Erweiterung unseres Internationalisierungsportfolios – weg von Einzelpartnerschaften mit China und den USA, hin zu einer breiten Internationalisierung an der Hochschule.
TH Lübeck: Herr Schwartze, sind Stadtplaner die perfekten Hochschulmanager?
Schwartze: Das kann sein. Tatsächlich sind Stadtplaner und Stadtplanerinnen aufgrund ihrer Kompetenzen dafür sehr geeignet, denn sie müssen stets moderierend für das Gemeinwohl tätig sein und Wege in die Zukunft gestalten.
Darum hat Dilettantismus nichts mit Inkompetenz zu tun
TH Lübeck: Sie haben Hochschullehrende in der Selbstverwaltung einmal als Dilettanten bezeichnet. Warum hat das für Sie nichts mit Inkompetenz zu tun?
Schwartze: Weil es das per Definition nicht ist. Der Dilettant ist eigentlich etwas sehr Schönes. Denn er beschäftigt sich aus freien Stücken mit einer Sache, in der er oder sie nicht professionalisiert ist. Es ist also eine Person, die etwas macht, was sie nie gelernt hat. Wir Hochschullehrer und Hochschullehrerin sind Personen unseres Fachs und können das besonders gut, aber das macht uns eben nicht zu guten Hochschulverwalter*innen und Manager*innen. Es heißt nur, dass man die Sache nicht gelernt hat, nicht, dass man sie nicht kann.
TH Lübeck: Viele verbinden Bürokratie eher mit Hemmnissen als mit Fortschritt. Welche Rolle spielt Bürokratie aus Ihrer Sicht im Hochschulalltag?
Schwartze: Bürokratie ist sehr wichtig. Eigentlich ist es ähnlich wie mit dem Dilettantismus, der Begriff wird häufig falsch genutzt. Die Bürokratie ist total wichtig, um sichere Prozesse zu schaffen und allen die Handlungsfreiheit zu geben, die sie brauchen und wollen. Damit habe ich mich in meiner ersten Amtszeit auch vorgestellt: Die Hochschule muss als Struktur funktionieren. Die Kunst ist es nicht die Veränderung auszurufen, sondern die Veränderungsprozesse in Regelprozesse umzusetzen. Aber das ist eben auch das tolle an Hochschulen: Sie sind ein Reich der Freiheit und gleichzeitig eingebunden in die Organisation öffentlichen Handelns, der öffentlichen Verwaltung. Es passt nicht immer zusammen, es geht aber auch nicht ohne einander.
Hochschule zwischen Freiheitsraum und Regelwerk
TH Lübeck: Was war frustrierender als erwartet?
Schwartze: Ewige Auseinandersetzungen. Um Forschung und Transfer so umzusetzen, wie wir uns das vorstellen, wären ganz andere Handlungsweisen notwendig, um die damit verbundenen Freiheitsräume auszuleben. Die werden wiederum eingeschränkt durch äußere Begrenzungen, wie Gesetze, tarifliche Verträge oder EU-Richtlinien. Es ist ein ständiger Aushandlungskampf, um Grenzen, Freiheit und Kultur.
TH Lübeck: Freuen Sie sich darauf wieder „nur“ Professor zu sein?
Schwartze: Ja, tatsächlich. Ich freue mich auf dieses unstrukturierte und freie. Mal nicht zwölf parallele Prozesse zu betreuen oder abzustimmen. Diese endlosen Listen in meinem Computer mit all den To-dos einfach abharken.
TH Lübeck: Gibt es Projekte, die Sie bereits im Kopf haben und jetzt endlich umsetzen können?
Schwartze: Ich habe tatsächlich gerade mein Büro zu Hause aufgeräumt und festgestellt, dass es Dinge gibt, die ich seit neun Jahren nicht weiterverfolgt habe. Und obwohl ich parallel immer viel in Sachen Forschung gemacht habe gibt es Dinge, in die ich mich jetzt auch wieder einarbeiten muss. Zum Beispiel die Entwicklung des Baurechts. Ein großes Thema, dem ich mich jetzt zusammen mit meinem Team widme, ist die mögliche Beschleunigung von Bebauungsplänen.
TH Lübeck: Hätte es Sie gereizt, selbst Präsident zu werden?
Schwartze: Nein. Ein Leben ohne das fachliche hätte ich mir nicht vorstellen können.
Head in the cloud, feet on the earth
TH Lübeck: Entweder-oder. Stadt oder Region?
Schwartze: Stadt.
TH Lübeck: Theorie oder Praxis?
Schwartze: Praxis.
TH Lübeck: Schnelle Entscheidung oder lange Abstimmung?
Schwartze: Schnelle Entscheidung.
TH Lübeck: Vision oder Machbarkeit?
Schwartze: Head in the cloud, feet on the earth.
TH Lübeck: Wenn Sie die Hochschule mit einem Satz in die Zukunft schicken könnten, welcher wäre das?
Schwartze: Es ist nicht die Aufgabe die Veränderungsprozesse zu meistern, sondern sich auf eine Transformation einzustellen.






