Stimmengewirr und gespannte Erwartungshaltung erfüllen am Freitagnachmittag, dem 22. Mai 2026, das Bauforum der Technischen Hochschule Lübeck. Es ist der Tag, auf den das Formula-Student-Team ein Jahr hingearbeitet hat: der Rollout 2026 der Seagulls Lübeck. Auf einem großen Bildschirm läuft ein Countdown. Am Rande der Bühne steht das Objekt des Abends, noch abgedeckt und abgeschirmt von den Blicken. Der neue Rennwagen SG07E oder Peaches.
Tobias Vorwerk übernimmt an diesem Abend die Moderation. Er ist Alumnus, ehemaliges Teammitglied seit der Geburtsstunde der Seagulls und Mitglied des Fördervereins. Vorwerk hat also jede Entwicklung miterlebt oder selbst den Schraubendreher in die Hand genommen. Der Rollout markiert damit nicht nur die Präsentation eines neuen Rennwagens, sondern steht für die Entwicklung eines Teams, das den technologischen Fortschritt aufnimmt und konsequent umsetzt.
Mut zu neuen Wegen als Grundlage für Innovation und Agilität
Mit dem neuen Rennauto entwickelt das Team sein noch junges elektrisches Fahrzeugkonzept weiter und erreicht damit einen nächsten technologischen Meilenstein. Bereits in der vergangenen Saison wagten die Seagulls den Schritt weg vom Verbrennungsmotor.
Diese Entscheidung war keine leichte, denn nach fünf Verbrenner-Rennwagen sicherte das hohe Erfahrungslevel Erfolge im Wettbewerb. Doch was wäre ein Formula-Student-Team einer Technischen Hochschule ohne Mut zur Weiterentwicklung? Schnell stand fest, dass das Entwicklungspotenzial und der Blick in die Zukunft zu den treibenden Motivationen wurden.
Die Bereitschaft, neue Wege zu verfolgen, lobte auch die Kanzlerin der TH Lübeck, Yvonne Plaul: Sich trotzdem dafür zu entscheiden, das hatte letztes Jahr und hat auch immer noch meinen vollsten Respekt. Es zeigt sehr eindrücklich unser Verständnis von Forschung und Entwicklung. Erst wenn wir die ausgetretenen Wege verlassen und uns auch trauen, die schon errungenen Erfolge hinter uns zu lassen, dann kann etwas Neues entstehen!
Um solch technologische Entwicklungen voranzutreiben, musste das Team nicht nur ein neues Fahrzeugkonzept entwickeln, sondern sich auch teamintern neue Kompetenzen aneignen. Die TH Lübeck bietet als Hochschule für angewandte Wissenschaften mit dem Formula-Student-Team Seagulls den Studierenden einen Experimentierraum; dieser erlaubt es ihnen, sich auszuprobieren, zu lernen und gleichzeitig das Erlernte praktisch anzuwenden.
Der Wissenstransfer in beide Richtungen: Studierende und Lehrende lernen voneinander
Rückblickend sagt Werkstattleiter Stefan Bollmann, dass der Übergang vom Verbrennungsmotor zur Elektromobilität kein einfacher war. Es gab beispielsweise technische Hürden mit den mechanischen Komponenten der Elektrik. Durch den Austausch auf Formula-Student-Events und die Möglichkeit, mit Renningenieur Claude Rouelle den Vorgänger von SG07E genau unter die Lupe zu nehmen, gelang der Einstieg in die E-Rennwagen-Szene.
Premiere, mit Peaches erstmals driverless auf der Strecke
Peaches profitiert heute von den Errungenschaften des Vorgängermodells, plus ein weiteres Highlight: SG07E ist nicht nur elektrisch betrieben, sondern erstmals mit einer autonomen Fahrfunktion ausgestattet. Diese ermöglicht es dem Fahrzeug, seine Umgebung zu erfassen, die eigene Position zu bestimmen und eigenständig Fahrentscheidungen zu treffen.
Auch das Thema Sicherheit stand im Mittelpunkt. Verschiedene Sicherheitssysteme und ein extern steuerbares Emergency-Brake-System sorgen dafür, dass das Fahrzeug jederzeit vom Team gestoppt werden kann. Zusätzlich verhindern weitere Maßnahmen, dass das Rennauto im manuellen Fahrbetrieb autonom eingreift.
Neben der Software wurden auch zahlreiche konstruktive Änderungen vorgenommen. Durch den Materialwechsel von vorherigem Baustahl als Basis hin zu hochfestem Rennstahl sowie durch weitere konstruktive Veränderungen konnte die Torsionssteifigkeit deutlich verbessert werden. Mit Peaches haben die Studierenden ein hochtechnisiertes Rennauto im ansprechenden und modernen Fahrzeugdesign geschaffen.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit an der TH Lübeck
Die Seagulls Lübeck vereinen über 50 Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen der TH Lübeck, unterstützt werden sie von einigen Studierenden der Universität zu Lübeck. Das Team im Hintergrund besteht aus Lehrenden der unterschiedlichen Fachbereiche, Mitarbeitenden der Labore und Werkstätten, der Hochschulverwaltung sowie Fördernden und Sponsor*innen, die gemeinsam zum Erfolg des Projekts beitragen.
Stellvertretend für die Perspektive der Sponsor*innen findet Andreas Noe, Präsident Business Unit Therapy Dräger, passende Worte: Für uns bedeutet Sponsoring Partnerschaft! Was wir zurückbekommen, ist ein direkter Blick auf die nächste Generation Unternehmerinnen und Unternehmer sowie Ingenieurinnen und Ingenieure. Und ganz ehrlich: Das macht Lust auf Zukunft!
Gemeinsame Ideen sprichwörtlich auf die Straße zu bringen, treibe sie an.
Zum Ausklang des Abends kamen Teammitglieder, Sponsor*innen und Gäste noch einmal bei bestem Wetter und in entspannter Atmosphäre zusammen. Beim gemeinsamen Grillen und kühlen Getränken wurde nicht nur auf den Rollout 2026 angestoßen, sondern auch über anstehende Events, die kommende Saison und neue Ideen gesprochen. Ein anstehender Termin: Formula Student Germany auf dem Hockenheimring in Baden-Württemberg.












