Vom Olympiakader in den Hörsaal: So wurde aus einer Segel-Leidenschaft eine Berufung

Leistungssport und Mathematik, Segeln und Simulation, Ozeanografie und Maschinenbau: Ein Lebenslauf, der Welten verbindet, die auf den zweiten Blick gar nicht so verschieden sind, wie sie auf den ersten vielleicht scheinen. Dr. Wibke Düsterhöft-Wriggers ist seit März 2026 als Professorin für die Finite-Elemente-Methode (FEM) im Systems Engineering an der Technischen Hochschule Lübeck tätig. Dabei bringt sie ihren Studierenden nicht nur bei, wie sich komplexe physikalische Vorgänge mit numerischen Methoden sichtbar machen lassen, sondern zeigt auch, wie aus Leidenschaft eine Berufung werden kann.

Eine Frau steht vor einem hellen Hintergrund mit der Schrift "Willkommen".

Prof. Wibke Düsterhöft-Wriggers wird an der TH Lübeck begrüßt.

Die Wahl des Maschinenbaustudiums war quasi eine logische Konsequenz ihres Werdegangs: Eigentlich bin ich über das Hobby zum Maschinenbau gekommen, sagt die 38-Jährige. Das Hobby: Segeln. Der Wassersport liegt ihr quasi im Blut, es gäbe Fotos, die sie bereits als Baby an Bord eines Segelbootes auf dem Steinhuder Meer in Hannover zeigen, erzählt Düsterhöft-Wriggers aus ihrer Kindheit – Segeln ist also schon immer Familiensache.

Für den Sport und das Studium an die Küste

Von Hannover ging es für die 38-Jährige nach Rostock, an die Ostsee. Doch nicht nur das Studium zog sie an die rund 350 Kilometer entfernte Küste, sondern auch der Olympiastützpunkt. Den Studiengang wählte sie mit Bedacht: „Mathematik und Physik fielen mir schon immer leicht“, sagt sie. Das Segeln war zunächst durchaus Karriereweg A, aber nie ohne einen Backup-Plan. Ihre Überlegung: Wenn ich als Frau doch nicht als Profiseglerin ende, dann als Yachtdesignerin, insbesondere von Hochleistungssegelyachten des America’s Cup. Und was haben viele Yachtdesigner studiert? Maschinenbau.

Zwischen 2008 und 2010 gehörte sie dann zum Bundeskader im Segeln und bereitete sich mit ihrer Segelpartnerin auf eine mögliche Olympiateilnahme vor. Trotz realistischer Chancen, einmal Teil dieses sportlichen Ereignisses werden zu können, entschieden sich die beiden Sportpartnerinnen am Ende gegen eine Fortsetzung der Kampagne.

Wir hatten beide noch außersportliche Ziele, sagt sie, denn das Studium hatte ebenfalls begonnen. Vor allem aber war es auch hier wieder ein realistischer Blick auf die Zukunft. Eine Teilnahme an den Olympischen Spielen wäre mit einem erheblichen Zeitfaktor einhergegangen. Es hätte vielleicht bis zu zwölf Jahre gedauert, bis eine Teilnahme möglich gewesen wäre, sagt sie. Gerade als Frau seien zwölf Jahre Leistungssport oft schwer mit einer beruflichen Karriere und auch der Familienplanung vereinbar.

Auch im Studium Maschinenbau: Das Wasser blieb das Element ihrer Wahl

Der Fokus verlagerte sich vom Sport auf das Studium im Maschinenbau. Doch das Wasser blieb immer das Element ihrer Wahl. Segeln ist erlebte Physik, sagt sie. Wind, Strömung, Kräfte und Dynamik seien auf dem Wasser unmittelbar erfahrbar. Im Studium spezialisiert sie sich dann auf angewandte Mechanik und numerische Simulation – ein Thema, das sich durch ihre wissenschaftliche Karriere zieht.

Im Zentrum ihrer heutigen Professur im Fachbereich Maschinenbau und Wirtschaft an der TH Lübeck steht die Finite-Elemente-Methode, kurz FEM. Dabei handelt es sich um ein numerisches Verfahren, mit dem komplexe physikalische Systeme simuliert werden können – etwa Belastungen, Temperaturen, Schwingungen oder Strömungen. Statt ein gesamtes Bauteil mathematisch auf einmal zu berechnen, wird es in viele kleine Teilbereiche zerlegt. Für jedes dieser Finite Elemente werden einzelne Gleichungen aufgestellt, die anschließend zu einem Gesamtsystem kombiniert werden. So lassen sich zum Beispiel technische Produkte bereits digital testen, bevor überhaupt ein Prototyp gebaut wird.

Von Segelyachten zu Massengutfrachtern – die Schifffahrt bleibt Forschungsobjekt

Nach ihrer Diplomarbeit – in der ebenfalls ein numerisches Modell einer Segelyacht im Mittelpunkt stand – führte ihr Weg sie in die Ozeanografie und Klimawissenschaften. Ein Teilbereich war unter anderem die Datenassimilation, also die Verknüpfung von Messdaten mit numerischen Modellen. Ziel war es, die Entwicklungen im Meer möglichst präzise nachzuverfolgen und vorhersagen zu können.

Parallel dazu begann Düsterhöft-Wriggers an der Technischen Universität Hamburg ihre Promotion. Inhaltlich beschäftigte sie erneut die Schifffahrt – allerdings wurde aus der Segelyacht jetzt ein internationaler Massengutfrachter. Im Zentrum ihrer Forschung standen die Vorkommnisse zwischen 2008 und 2014 auf der Seeroute zwischen Malaysia, Indonesien und China. Mehrere Frachter sanken – oft ohne Vorwarnung. Die Ursache lag vermutlich in einem physikalischen Phänomen, bei dem zunächst feste Erzladungen infolge von Feuchtigkeit, Schiffsbewegung und Verdichtung ihre innere Stabilität verlieren und beginnen, sich wie eine Flüssigkeit zu verhalten. Düsterhöft-Wriggers entwickelte mehrere Computermodelle. Mithilfe dieser Simulationen konnte analysiert werden, ob die ursprünglich vermutete Verflüssigung der Ladung tatsächlich zum Untergang der Schiffe geführt haben könnte, oder ob zusätzlich weitere Versagensmechanismen zum Schadensereignis beigetragen haben.

An der TH Lübeck: So vielseitig können mathematische Methoden sein

Heute steht für sie die Lehre im Mittelpunkt. An der TH Lübeck möchte sie Studierenden nicht nur mathematische Methoden vermitteln, sondern vor allem zeigen, wie vielseitig diese eingesetzt werden können – weit über den klassischen Maschinenbau hinaus.

Meine Hauptaufgabe sehe ich darin, den Studierenden durch eine fundierte Ausbildung in Mathematik, Mechanik und FEM eine sehr gute Basis für ihre berufliche Zukunft zu vermitteln. Damit sollen sie nicht nur den bevorstehenden Veränderungen in der Arbeitswelt erfolgreich begegnen können, sondern auch in die Lage versetzt werden, ihr Wissen flexibel und vielseitig in unterschiedlichen beruflichen Kontexten anzuwenden, sagt sie. 

Verbindung der Fachgebiete: Interdisziplinäre Arbeit an der TH Lübeck

Gerade die Verbindung verschiedener Fachgebiete reizt sie besonders. Durch ihre Erfahrungen im Maschinenbau, in der Ozeanografie und in der numerischen Modellierung habe sie gelernt, zwischen unterschiedlichen wissenschaftlichen Sprachen zu wechseln.

Künftig könnte sie sich genau dort eine besondere Rolle vorstellen: als Vermittlerin zwischen Disziplinen. Etwa indem Ergebnisse aus Klimamodellen auf technische Fragestellungen übertragen werden – beispielsweise auf die Auswirkungen des Klimawandels auf mechanische Systeme oder Bauteile.

Der einmal angestrebte Weg in Richtung Yachtdesign hat mittlerweile Abzweigungen genommen – aber bewusst, betont Düsterhöft-Wriggers. Im Laufe des Studiums wurde ihr bewusst, dass sie sehr viele Anwendungsbereiche im Maschinenbau interessieren. Dazu kam ein größeres Bewusstsein für die Ressourcenverschwendung bei größeren Sportevents sowie der Wunsch in Fachbereichen zu arbeiten, die etwas Sinnstiftendes für die Allgemeinheit tun. In ihrem Fall Klimawissenschaften und jetzt die Lehre an der TH Lübeck.

Die Begeisterung für das Segeln ist geblieben. Heute lebt sie nur wenige Minuten vom Strand entfernt. Wenn die Zeit es zulässt, geht sie noch immer aufs Wasser.