Personalausweis abgeben, Tagesausweis entgegennehmen und hinein in den Schleswig-Holsteinischen Landtag: Für Hannes Marks, Lisa Schöller und Edona Haziri war der 25. Juni 2026 etwas Besonderes. Nur einen Tag nach ihren Bachelor-Kolloquien stellten sie ihre Arbeiten dort vor, wo ihre Konzepte künftig tatsächlich umgesetzt werden könnten. Begleitet wurden sie von ihren Erstgutachtern: Christian Blatt, Professor für Gebäudesimulation und -optimierung, und Benjamin Spaeth, Professor für Digitales Entwerfen.
Entwürfe für einen besseren Plenarsaal
Im Konferenzraum mit seinen hohen Decken und grünen Vorhängen nahm Blatt ihnen die Anspannung: Sie brauchen das Adrenalin, um sich zu konzentrieren.
Die Ideen für die Arbeiten entstanden aus einem gemeinsamen Studienprojekt der TH Lübeck und dem Landtag mit dem Ziel, konkrete gebäudetechnische Herausforderungen wissenschaftlich zu untersuchen. Wir wollten etwas Fundiertes liefern
, erzählte Blatt. Da die Zeit innerhalb des Projekts begrenzt war, entstanden daraus mehrere Abschlussarbeiten.
Weniger Zugluft, mehr Behaglichkeit
Vorgestellt wurden die Arbeiten unter anderem vor der obersten Repräsentantin des Landtags, der Präsidentin Kristina Herbst. Sie stellte gleich zu Beginn heraus, dass sie vor allem beim Raumklima des Plenarsaals Verbesserungsbedarf sehe: Der eine hat kalte Füße, der andere eine warme Nase – realistisch betrachtet wird man nie alle zu hundert Prozent zufriedenstellen können
, so Herbst. Dennoch sei besonders die Zugluft im Sommer unangenehm.
Genau hier setzte die Bachelorarbeit von Hannes Marks, Student der Nachhaltigen Gebäudetechnik, an. Er untersuchte zunächst, wie die Landtagsabgeordneten den Plenarsaal wahrnahmen. Anschließend entwickelte Marks ein detailliertes Simulationsmodell des Plenarsaals, das die Luftströmungen modellierte und selbst Möbel berücksichtigte. Um sicherzugehen, dass die Simulation die Realität korrekt abbildete, verglich er sie mit Messungen unter gleichen Bedingungen. Das Ergebnis: Simulation und Messwerte stimmten gut überein.
Bei der Befragung kristallisierten sich zwei zentrale Probleme heraus. Zum einen empfanden viele Abgeordnete im Sommer eine störende Zugluft, insbesondere im Bereich der Sitzbänke. Marks simulierte deshalb den Einsatz von Kühlsegeln an der Decke. Diese übernehmen einen Teil der Kühllast der Lüftungsanlage, wodurch die Luftströmungen deutlich reduziert werden können.
Zum anderen zeigte sich, dass der Plenarsaal im Besucherbetrieb als weniger behaglich bewertet wurde als im Sitzungsbetrieb. Marks stellte als mögliche Lösung vor, die Lüftungsanlage früher zu starten, damit bereits zum Beginn der Öffnungszeit optimale Raumtemperaturen erreicht werden.
Geothermie-Potenzial besser nutzen
Lisa Schöller, ebenfalls Studentin der Nachhaltigen Gebäudetechnik, beschäftigte sich mit der Frage, wie sich das vorhandene geothermische System effizienter nutzen lässt. Der Plenarsaal wird derzeit über Fernwärme der Kieler Stadtwerke versorgt und verfügt zusätzlich über eine Photovoltaikanlage – die Geothermie-Anlage wird bislang ausschließlich zur passiven Kühlung genutzt. Schöller entwickelte vier alternative Anlagenkonzepte und simulierte deren Auswirkungen.
Als energetisch günstigste Lösung erwies sich eine einfache Sole-/Wasser-Wärmepumpe, die die im Erdreich gespeicherte thermische Energie künftig nicht nur zum passiven Kühlen, sondern auch zum Heizen nutzt. Nach Schöllers Berechnungen könnte der Endenergiebedarf so um rund 62 Prozent sinken. Die Investition würde sich bereits nach etwa 13 Jahren amortisieren.
Ein Plenarsaal näher bei den Menschen
Architekturstudentin Edona Haziri widmete sich der Frage, wie ein Plenarsaal aussehen könnte, der nicht nur klimaresilient, sondern auch bürgernäher ist.
Ihr Ausgangspunkt: Zwar vermittelt der heutige Plenarsaal durch seine Glasfassade Transparenz, dennoch thront er über der Promenade und schafft räumliche Distanz. In ihrem Entwurf rückte der Plenarsaal näher an die Öffentlichkeit heran – ein Neubau zwischen dem aktuellen Plenarsaal und der Kieler Förde. Ein ebenerdiger Zugang, öffentlich zugängliche Aufenthaltsbereiche und ein Besucherforum sollen Politik stärker erlebbar machen. Gleichzeitig sorgen sogenannte Schwellenräume für eine kontrollierte Offenheit – ein Kompromiss zwischen Schutz und Bürgernähe.
Der bisherige Plenarsaal würde dann eine neue Funktion erhalten und könnte künftig als Cafeteria genutzt werden. Diese Idee stieß in der anschließenden Diskussion auf besonders positive Resonanz.
Wissenschaft mit Praxisbezug
Die Landtagspräsidentin zeigte sich insbesondere von den Kühlsegeln und der Wärmepumpe begeistert. Ein Vertreter der Gebäudemanagement Schleswig-Holstein (GMSH) kommentierte den Architekturentwurf mit: Was für eine Vision!
Für die Studierenden war vor allem der Praxisbezug ein Gewinn. Statt theoretischer Modelle arbeiteten sie an einem realen Gebäude mit konkreten Herausforderungen. Dieser realistische Faktor und die Praxisorientierung haben es für uns so spannend gemacht
, so Marks.
Die Arbeiten liefern eine wissenschaftlich fundierte Grundlage für weitere Untersuchungen – und vielleicht für den Plenarsaal der Zukunft.








