Es macht mir unglaubliche Freude, QM zugänglich und vor allem einfach zu machen

Wer mit Carina Siemen über Qualitätsmanagement spricht, hört nicht lange von Checklisten, Audits oder Dokumentation. Sie spricht über Klarheit, Verantwortung und darüber, wie gute Prozesse Unternehmen handlungsfähig machen.
Carina Siemen ist Alumna der Technischen Hochschule Lübeck (ehemals Fachhochschule Lübeck). Heute arbeitet sie als Director Quality Systems bei Nexperia und verantwortet dort globale Qualitätsmanagementsysteme und Prozesslandschaften in einem internationalen Umfeld.
Was ihren Weg besonders macht, ist weniger die Abfolge der Stationen als ihr Blick auf Qualität: nicht als Bürokratie, sondern als Grundlage für funktionierende Zusammenarbeit und nachhaltige Entwicklung.
Frühe Verantwortung, klare Prozesse
Mein Einstieg ins Berufsleben begann mit einer Ausbildung in der Systemgastronomie bei Burger King. Schon mit Anfang 20 habe ich ein Restaurant geleitet. Diese frühe Verantwortung hat mich sehr geprägt. Damals habe ich gelernt, wie entscheidend es ist, dass Abläufe klar sind, dass Verantwortlichkeiten funktionieren und dass gute Prozesse Menschen nicht ausbremsen, sondern ihnen helfen, handlungsfähig zu sein.
Natürlich hätte ich das damals noch nicht in diesen Begriffen beschrieben. Aber rückblickend war genau das
Der Aha-Moment im Studium
Im Studium an der Technischen Hochschule Lübeck hatte ich dann einen Aha-Moment: Vieles von dem, was ich in der Praxis erlebt hatte, bekam plötzlich ein theoretisches Fundament. Lean Management, Qualitätsmanagement, Prozessgestaltung - auf einmal konnte ich Dinge einordnen, die ich zuvor einfach nur im Alltag erlebt hatte.
Ich habe an der TH Lübeck Wirtschaftsingenieurwesen studiert und im Rahmen der internationalen Möglichkeiten auch an der Milwaukee School of Engineering (MSOE) studiert. Für mich war genau diese Verbindung besonders wertvoll: die Praxisorientierung der TH Lübeck, die internationale Perspektive durch die MSOE und die frühe Verknüpfung mit Qualitätsmanagement.
Hinzu kam die Zusatzqualifikation zum zertifizierten Quality Systems Manager Junior (QSMJ) der Deutschen Gesellschaft für Qualität (DGQ). Auch meine Tätigkeit im Q-Labor der TH Lübeck bei Prof. Liebelt und Prof. Wang hat meinen Blick auf Qualität und Prozesse weiter geschärft.
Wenn ich heute zurückblicke, war genau diese Verbindung entscheidend: Theorie und Praxis standen nicht nebeneinander, sondern haben sich gegenseitig erklärt.
Internationalität und Praxis von Anfang an
Mir war früh wichtig, Theorie und Praxis konsequent zu verbinden. Deshalb habe ich gezielt eine Werkstudententätigkeit bei B/E Aerospace (heute Collins Aerospace) gesucht, in der ich Themen wie Operational Excellence und Qualitätsmanagement direkt im Unternehmenskontext erleben konnte.
Meine Masterarbeit habe ich ebenfalls dort geschrieben und mich bewusst für ein Thema mit direktem Impact entschieden: die Entwicklung und Implementierung eines globalen webbasierten Qualitätsmanagementsystems für Standorte in den USA und Europa.
Dort kamen viele Themen zusammen, die mich bis heute beschäftigen: internationale Zusammenarbeit, klare Prozesse und die Frage, wie Systeme im Alltag tatsächlich funktionieren.
Im Anschluss an meine Masterarbeit bin ich bei B/E Aerospace als Quality System Engineer eingestiegen. Es folgte eine Station bei Lufthansa Technik als Head of Quality Management Operations - Engine Services, später dann der Wechsel zu Nexperia. Auch um bewusst den Schritt in ein global skalierendes Industrieunternehmen zu machen und meine Erfahrung noch stärker auf internationale Strukturen und digitale Transformation auszurichten.
Parallel dazu habe ich mit dem PowerMBA mein Wissen in den Bereichen Business Strategy, Scaling, Growth, Entrepreneurship, Leadership und Marketing weiter vertieft. Auch das hat meinen Blick erweitert: Prozesse funktionieren nie losgelöst vom Geschäftsmodell oder von der Frage, wie ein Unternehmen wachsen und gleichzeitig verlässlich bleiben kann.
Wenn ich heute darauf zurückblicke, waren es weniger einzelne große Schritte als bewusste Entscheidungen: früh Verantwortung zu übernehmen, praktische Erfahrung mit Theorie zu verbinden und mir Rollen zu suchen, in denen ich gestalten kann.
Bewusster Schritt in Richtung Führung
Mich hat in dieser Phase besonders gereizt, den nächsten Schritt Richtung Führung bewusst zu gehen. Die Freude daran, Verantwortung für Menschen zu übernehmen und Teams zu leiten, habe ich bereits in der Systemgastronomie entdeckt.
Gleichzeitig wollte ich Themen nicht nur operativ umsetzen, sondern strategisch weiterentwickeln und Einfluss auf Strukturen und Zusammenarbeit nehmen. Eine Führungsrolle war für mich der konsequente Weg, diesen Gestaltungsspielraum zu nutzen.
Qualität ist kein Selbstzweck
Ich habe im Laufe der Jahre gemerkt, dass Qualitätsmanagement oft sehr eng verstanden wird. Viele verbinden damit vor allem Dokumentation, Auditfokus und Checklisten. Ich sehe das anders.
Für mich ist Qualität kein Gegner von Geschwindigkeit und auch nicht bloß ein Kontrollinstrument. Qualität ist ein Business Enabler. Gute Prozesse sind klar, einfach und im Unternehmensalltag nutzbar. Sie reduzieren Reibung, vermeiden Fehler und schaffen Orientierung. Sie helfen dabei, Verantwortung sichtbar zu machen und Wertschöpfung zuverlässig zu steuern.
Deshalb verstehe ich Qualitäts- und Prozessmanagement eher als die Frage: Wie steuern wir unser Unternehmen so, dass Kundinnen und Kunden zufrieden sind und Menschen intern gut arbeiten können?
Der Kundennutzen ist für mich dabei immer der zentrale Ankerpunkt – intern wie extern. Gute Prozesse verbinden Standardisierung und Flexibilität. Sie geben Sicherheit, ohne starr zu werden.
Warum Prozessmanagement in Zukunft noch wichtiger wird
Gerade durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz wird diese Perspektive für mich immer relevanter. Ich bin überzeugt, dass Prozessmanagement die Grundlage für viele KI-Anwendungen ist, insbesondere für KI-Agenten.
Denn Prozesse enthalten bereits Regeln, Entscheidungslogiken und Verantwortlichkeiten. Sie bilden damit die Basis dafür, wie automatisierte und menschliche Entscheidungen künftig zusammenwirken können. Ich glaube deshalb, dass Prozesse sich weiterentwickeln werden: weg von reiner Dokumentation, hin zu echten Steuerungssystemen.
Dafür braucht es klar definierte Entscheidungsregeln, gute Guardrails und ein Verständnis dafür, wie Arbeit in Unternehmen tatsächlich funktioniert. Genau diese Nähe zur Realität ist für mich entscheidend. Prozesse müssen nicht auf dem Papier gut aussehen, sondern im Alltag tragen.
Netzwerke, Austausch und neue Perspektiven
Neben meiner beruflichen Arbeit ist mir der Austausch mit anderen sehr wichtig. Über viele Jahre war ich im Leitungsteam der DGQ Youngster Hamburg aktiv. Heute moderiere ich als Co-Anchorwoman die DGQ-Webinarreihe Chili con Q.
Dort geht es bewusst nicht um glattgebügelte Standardantworten, sondern um neue Perspektiven, innovative Methoden und die Frage, wie Qualitätsmanagement morgen aussehen kann. Genau das inspiriert mich auch persönlich: Menschen zusammenzubringen, Themen zugänglich zu machen und Bestehendes kritisch zu hinterfragen.
Hinzu kommt mein ehrenamtliches Engagement bei ArbeiterKind.de. Auch das ist mir wichtig, weil ich selbst erlebt habe, wie wertvoll Orientierung, Ermutigung und ehrlicher Austausch sein können.
Was aus der TH Lübeck bleibt
Wenn ich an meine Zeit an der TH Lübeck und an der MSOE zurückdenke, dann denke ich an weit mehr als an Abschlüsse. Ich denke an eine Phase, in der ich gelernt habe, Prozesse wirklich zu verstehen, interdisziplinär zu denken und mit einer globalen Perspektive auf Unternehmen und Zusammenarbeit zu schauen.
Diese Verbindung aus Praxisnähe, internationaler Erfahrung, technischem und betriebswirtschaftlichem Verständnis und einem starken Netzwerk begleitet mich bis heute.
Oder anders gesagt:
Die Möglichkeit, ein tiefgreifendes Verständnis für Unternehmensprozesse, interdisziplinäres Wissen, ein starkes berufliches Netzwerk und eine globale Perspektive zu erwerben, die in einem multinationalen Unternehmen unerlässlich sind.
Genau darin liegt für mich bis heute ein zentraler Wert meines Weges.
Und vielleicht ist das auch der rote Faden, der sich durch alles zieht, was ich heute tue: Dinge nicht unnötig kompliziert zu machen, sondern so zu gestalten, dass sie im Alltag funktionieren.



